Trübe Prognose

Die Ideologie triumphiert in Chinas Wirtschaft

Fabian Kretschmer, dpa

Von Fabian Kretschmer & dpa

Mi, 21. September 2022 um 18:34 Uhr

Wirtschaft

Strenge Null-Covid-Politik und Drohungen gegenüber Taiwan sind nur zwei der Gründe: Noch nie war die Stimmung unter den europäischen Unternehmen in China so pessimistisch wie heute.

Jörg Wuttke lebt bereits seit mehr als 30 Jahren in China, doch so pessimistisch wie dieser Tage klang der deutsche Wirtschaftsvertreter noch nie. "China verliert den Reiz, den es früher mal hatte", sagt Wuttke, der als Präsident die europäische Handelskammer leitet. "Noch nie habe ich erlebt, dass ideologische Entscheidungen wichtiger geworden sind als wirtschaftliche Entscheidungen."

Am Mittwoch hat der gebürtige Heidelberger das alljährliche Positionspapier der Handelskammer vorgestellt. Auf knapp 430 Seiten richtet sie knapp tausend Empfehlungen an die chinesische Regierung, damit der chinesische Markt wieder zu alter Attraktivität zurückfindet. Dass die Rufe jedoch bis ins Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai durchdringen, erscheint mehr als fraglich. An der Bereitschaft der pragmatisch orientierten Lokalregierungen von Shanghai bis Shenzhen mangelt es zwar nicht. Doch die Zentralregierung hat mehr als deutlich gemacht, dass sie bereit ist, Wirtschaftswachstum im Gegenzug für politische Kontrolle einzutauschen.

"Null Covid"-Politik hat Wachstum geschwächt

Im Zuge der anhaltenden "Null Covid"-Politik ist die chinesische Volkswirtschaft nahezu zum Erliegen gekommen. Im zweiten Halbjahr ist das Bruttoinlandsprodukt nur um magere 0,4 Prozent angestiegen. Ständige Lockdowns, geschlossene Grenzen und täglich wechselnde Regulierungen haben den Unternehmen jegliche Planbarkeit geraubt, um sich langfristig zu positionieren.

Die zunehmend ideologisch motivierte "Null Covid"-Politik ist der Hauptgrund, dass europäische Unternehmen ihre Direktinvestitionen von China in andere Regionen verlagern, vor allem nach Südostasien und Indien. Zum Schlimmsten-Fall-Szenario wird es allerdings wohl nicht kommen, ein befürchteter Exodus europäischer Firmen aus China ist unwahrscheinlich. Doch gleichzeitig hat sich innerhalb der Chefetagen die Ernüchterung breitgemacht, dass ihre Präsenz im Reich der Mitte nachhaltig an Attraktivität verliert – und zwar auf Jahre hinaus.

Das Land bleibt in einer tiefen Isolation gefangen: Während etwa in den Stadtstaat Singapur im Juli 3,3 Millionen Menschen ein- und ausgereist sind, waren es im selben Zeitraum in China weniger als 150 000 Personen.

Vor allem die Chinesen selbst leiden unter der Politik

Wirtschaftlich werden am meisten die Chinesen selbst unter der rückwärts gewandten Politik leiden. Die Weltbank hat bereits 2021 mehrere Szenarien berechnet, wie sich das Land unter bestimmten Reformkursen entwickelt: Würde Pekings Parteiführung zum Öffnungskurs vergangener Tage wieder zurückkehren, wäre bis 2050 ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von bis zu 55 000 US-Dollar möglich – also mehr als das Niveau, welches Schweden oder die Niederlande derzeit erzielen. Andernfalls prognostiziert man bis zur Mitte des Jahrhunderts ein BIP pro Kopf von lediglich 33 700 Dollar, was dem heutigen Niveau von Italien entspräche.

Hinzu komme, dass China wegen Sorgen über eine mögliche Invasion in Taiwan, Menschenrechtsverletzungen oder Vorwürfen wegen Zwangsarbeit in Xinjiang zunehmend ein Reputationsproblem habe. "Die negative Haltung ist ein weiteres Hemmnis, das unsere Anteilseigner zuhause in Europa beeinflusst", sagte Wuttke.