Trend in Deutschland

Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln boomt – aber wie lange?

Erich Reimann

Von Erich Reimann (dpa)

Mo, 03. August 2020 um 16:01 Uhr

Wirtschaft

Durch die Corona-Pandemie erhielt die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln einen weiteren Schub. Doch was geschieht, wenn in der Krise die Arbeitsplätze wackeln und das Geld knapp wird?

Bio boomt. Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zufolge stieg die Nachfrage nach Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung in den ersten drei Monaten der Corona-Krise deutlich stärker als die Umsätze im Lebensmittelhandel insgesamt. "Die Corona-Krise hat den Trend zu bewussterem Konsum anscheinend nicht gestoppt. Ganz im Gegenteil: Sie scheint ihn verstärkt zu haben", urteilt der GfK-Handelsexperte Robert Kecskes.

Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein. Das Informationsportal Ökolandbau berichtet von Rekordumsätzen im Naturkosthandel und von einem Boom bei Bio-Abo-Kisten. Auch die Landesvereinigung für den ökologischen Landbau (LVÖ) in Bayern beobachtet: "Immer mehr Menschen entscheiden sich beim Einkauf für Bio-Produkte." Insbesondere regionale Angebote seien gefragt.

"Der Anteil von Bio-Produkten am Lebensmitteleinkauf hat durch die Pandemie einen weiteren Schub erhalten" Joachim Riedl
Bei einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts AMM gaben 30 Prozent der Konsumenten an, ihre Bio-Einkäufe in der Pandemie ausgeweitet zu haben. "Der Anteil von Bio-Produkten am Lebensmitteleinkauf hat durch die Pandemie einen weiteren Schub erhalten", ist deshalb auch der Leiter der Studie, der Handelsexperte Joachim Riedl von der Hochschule Hof, überzeugt. Der Umfrage zufolge profitierten die Bio-Produkte in den vergangenen Monaten nicht nur von ihrem Ruf, hochwertig, umweltfreundlich und gesund zu sein. Die Konsumenten griffen auch deshalb zu Bio-Produkten, weil sie in Zeiten der Pandemie regionale Anbieter und Bauern unterstützen wollten.

Außerdem stand oft angesichts ausgefallener Restaurantbesuche und abgesagter Urlaubsreisen mehr Geld für hochwertige Lebensmittel zur Verfügung.

Zum Vergleich: Nicht einmal vier Prozent der Verbraucher sagten bei der Umfrage, sie hätten ihre Bio-Einkäufe eingeschränkt. Und wo es geschah, passierte es oft eher unfreiwillig. Als Gründe wurden häufig genannt, dass man wegen der Krise nicht mehr so viele Läden aufsuchen wolle oder dass wegen Corona weniger Geld zur Verfügung stehe.

Immer mehr Verbraucher wollen Bio-Lebensmittel

Die Pandemie konnte den Bio-Boom also bislang nicht brechen. Schon seit Jahren sind Bio-Produkte einer der größten Wachstumstreiber im Lebensmittelhandel. Laut dem Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) stieg der Umsatz von Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken im vergangenen Jahr um 11,4 Prozent auf mehr als sieben Milliarden Euro.

"Immer mehr Landwirte haben Lust auf Öko-Landbau. Und damit können sie auch die steigende Nachfrage der deutschen Verbraucher nach Biolebensmitteln besser bedienen" Julia Klöckner
Der Umfang der ökologisch bewirtschafteten Fläche in Deutschland stieg nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums allein im vergangenen Jahr um fast acht Prozent auf 1,6 Millionen Hektar. Damit wurde rund ein Zehntel der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet. "Immer mehr Landwirte haben Lust auf Öko-Landbau. Und damit können sie auch die steigende Nachfrage der deutschen Verbraucher nach Biolebensmitteln besser bedienen", sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).

Bio ist also im Alltag angekommen. Das hat Folgen: Supermärkte und Discounter sind dabei, den Bio-Fachmärkten Marktanteile abzujagen. Die großen Handelsketten würden von den Verbrauchern "zunehmend als kompetente Anbieter von Bio-Lebensmitteln wahrgenommen", sagt Riedl. Es gelinge ihnen zunehmend, auch Bio-Intensivkäufer anzusprechen. Umgekehrt schafften es Bio-Fachmärkte bisher kaum, Bio-Gelegenheitskäufer in ihre Läden zu locken. Dies könne für die Fachmärkte in Zukunft zum Problem werden.

Preiskampf in der Bio-Branche könnte sich verschärfen

Der Verbraucher profitiert im Moment von dem wachsenden Wettbewerb auf dem Bio-Markt. Denn Bio wird billiger. "Die Preiskämpfe um die Mehrwertsteuer-Senkungen strahlen auf das Bio-Geschäft aus", beobachtete erst kürzlich das Branchen-Fachblatt Lebensmittel-Zeitung und nannte als Beispiele Aldi-Bio-Hackfleisch in der 400-Gramm-Packung zum Kampfpreis von 2,70 Euro und den Bio-Pizzateig von Lidl für 1,27 Euro.

Der Preiskampf im Bio-Bereich könnte sich verschärfen, wenn durch Corona die Arbeitslosenzahlen weiter steigen sollten und die Kunden stärker auf ihr Geld achten müssen – aber auf Bio nicht verzichten wollen. Handelsexperte Riedl sieht jedenfalls durchaus noch Spielraum für Rotstift-Aktionen. Er zeigt sich überzeugt: "Der intensive Wettbewerb unter den großen Händlern wird die Handelsspannen auch für Bio sinken lassen. Spielraum dafür ist reichlich vorhanden, denn der Preisaufschlag für Bio-Lebensmittel wird heute zu einem großen Teil vom Handel vereinnahmt."
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