Ein Stoff, der nach mehr verlangt

Georg Voß

Von Georg Voß

Sa, 02. November 2019

Emmendingen

"Das Gesetz" von Thomas Erle schließt die Wächter-Trilogie ab.

EMMENDINGEN. Es hätten durchaus noch mehr Seiten sein dürfen in dem dritten Band von Thomas Erles insgesamt 1200-seitiger Trilogie "Das Lied der Wächter", denn nicht alle Fragen werden in dem im Oktober erschienenen Abschlussband beantwortet. Der spannend erzählte Stoff verlangt nach mehr.

Nach dem zweiten Band lässt der Autor den Leser bewusst im Unklaren, um was es sich bei der mysteriösen, unheimlichen Kraft handelt oder bei der "Spinne", die manche Orte und Berge wie den Feldberg oder Belchen im Schwarzwald unbegehbar macht. Der 16-jährige Protagonist Felix, der in der Zeit des Reaktorunglücks geboren wurde, sein großes Ziel erreicht: Er hat seine Eltern in dem als menschenleer erachteten Südschwarzwald gefunden. Doch den Protagonisten packt erneut die Unruhe und er will im dritten Band die Geheimnisse des Schwarzwalds lüften. Und so macht sich Felix nun in Begleitung des Hundes Leo erneut auf, Antworten zu finden.

Im dritten Band sind wieder alle Elemente, die die Trilogie auszeichnet, vorhanden. Felix nimmt den Leser mit durch den Schwarzwald, über Stock und Stein, über dichte Wälder, steile Abhänge, zugewucherte Wege, durch Felsstürze unpassierbare Straßen und in verlassene Gebäude. Durch die zum Teil minutiöse Beschreibung tritt der Schwarzwald dem Leser plastisch und greifbar vor Augen. Auch im dritten Band trifft Felix wieder auf Menschen, die sich in den 16 Jahren nach dem Unglück eingerichtet haben und das ohne Strom und Kontakt zur Außenwelt.

Er begegnet auch Zeugnisse des Unglücks. So bekommt Felix ein Tagebuch zu lesen aus der Hand einer mumifizierten Leiche, die Felix in einem Gebäude findet. Als Felix in der Nähe des streng bewachten Grenzzauns kommt, muss er vor Soldaten fliehen. Die Außenwelt ist hier durchaus präsent.

Mit jedem Schritt, den Felix tut, mit jeder Begegnung wird Felix reifer. So ist diese Trilogie als auch Coming-of-Age-Geschichte zu bezeichnen. Insbesondere trifft das auch auf seine Beziehung zu Chiara zu, die er aber sprachlos und apathisch vorfindet und die von Soldaten noch innerhalb des Sperrgebiets gefangen gehalten wird. Mit Hilfe anderer Personen will Felix auch Chiara, die sich in einer anderen Welt in einer willenlose Hülle zu befinden scheint, wieder zu sich in seine Welt zurückholen. Und so kommt es zu einem spannenden Finale auf den Belchen.# Felix – und damit auch der Leser – kennt nun das Gesetz des Schwarzwaldes und er lüftet auch manche Geheimnisse, auch wenn manche Dinge unbeantwortet bleiben. Die "Spinne" bleibt, auch die unheimliche Kraft. Der Schwarzwald bleibt Sperrbezirk.

Fazit: Diese Mischung aus modernem Abenteuerroman, Regio-Fantasy und Coming-of-Age verlangt einfach nach mehr.

Thomas Erle, Das Lied der Wächter: Trilobie; Das Erwachen, 2018; Der Gesang, 2019 Das Gesetz, 2019; alle im Gmeiner Verlag, Meßkirch.