Eine ungeheurere stilistische Bandbreite

Heidi Ast

Von Heidi Ast

Di, 03. März 2020

Lahr

Andreas Kleis bietet im Lahrer Stiftsschaffneikeller eine Klavierreise von Bach bis Ravel.

LAHR. Andreas Kleis, unter anderem Musiklehrer am Offenburger Schillergymnasium, entspricht rein optisch dem klassischen Klischee eines introvertierten Maestros. Mit wilder Lockenmähne steigt er wortlos auf die Bühne des Kulturkreises Lahr im Stiftsschaffneikeller. Eigentlich fehlt nur der Frack, dessen Schöße er beim Hinsetzten mit dramatischer Geste über die Klavierbank wirft. Sein Spiel spricht für sich.

Ohne Noten setzt er dem vergangenen Fasenttreiben mit seiner Repertoireauswahl einen meditativen Kontrapunkt entgegen. Die zahlreich erschienenen Zuschauer bestätigen die Sehnsucht nach Besinnlichkeit. In der ersten Hälfte des Abends widmet sich Kleis berühmten Komponisten des 18. Jahrhunderts. Er beginnt, ansagelos mit der französischen Suite Nr. 5 von Johann Sebastian Bach. Grazil und höfisch entwickelt Kleis versunken das Stück mit einer Folge von variierten instrumentalen Tanzstücken, die durch die gleiche Tonart und melodisch verwandte Themen und Motive untereinander zu einer musikalischen Einheit verbunden sind. Im dritten Tanz perlen die hohen Töne optimistisch. Die Stille im Keller ist greifbar, jedes Geräusch scheint neben den Meisterwerken, die Kleis an diesem Abend präsentiert, deplatziert.

Wolfgang Amadeus Mozart ist der zweite Komponist den Kleis für den Abend ausgewählt hat. Die Sonate KV333 schlägt ein ganz anderes Tempo an und kommt wesentlich verspielter daher, als die Komposition des sechs Jahre vor Mozarts Geburt verstorbenen Bach. Kleis Finger scheinen mühelos über die Tasten zu fliegen. Zwischen tirilierenden Passagen gibt es immer wieder kleine romantische Einschübe. Die rechts- und linkshändig gespielten Noten sind in einer intensiven Kommunikation. Zum Ende eines jeden Stückes erhebt sich Kleis und verbeugt sich.

Seine dritte Wahl fällt an diesem Samstag auf Ludwig van Beethoven. Die Sonate op. 53 geht mit dem Allegro con brio rasant zur Sache. Kompositorisch entwickelt Beethoven auch in diesem, auf ein Instrument reduzierten Stück eine Komplexität von lichter Leichtigkeit bis zu dunklem Dräuen. Die Vielschichtigkeit, die Kleis in seiner Interpretation mit allen Ebnen auf den Flügel überträgt verweist auf Beethovens Orchesterkompositionen.

Als letzten Komponisten vor der Pause präsentiert Kleis seine eigene Komposition "Seven Pieces of Youth Opus 20", welches Kleis auch auf You Tube veröffentlicht hat. Es beginnt mit spielerisch purzelnden harmonischen Läufen, gefolgt von melancholischen Anschlägen, wechselnd mit Rastlosigkeit im Melodielauf fast übereinander stürzend, um plötzlich in Nachdenklichkeit zu verharren. Kleis eigenes Stück hat eine fein durchdachte Struktur und verfügt gleichzeitig über eine sphärische Leichtigkeit, die an Keith Jarret erinnert. "Ocean Dreams" glitzernd hochtönig bis hin zur angedeuteten, alles verschlingenden Mächtigkeit und fein tönenden Sonnenstrahlreflektionen, all dies transportiert Kleis auf dem Flügel. Der Pianist ist hochkonzentriert und versunken in seine Arbeit. Nach einem hymenhaft und verspielten Ende geht er ab nach links.

Seine erste Wahl nach der Pause fällt auf Robert Schumann und eröffnet damit den Reigen der Komponisten des 19. Jahrhunderts. Mit Johannes Brahms, Frédéric Chopin, Claude Debussy und Maurice Ravel präsentiert sich Kleis auch im zweiten Teil des Abends als versierter, feinfühliger Pianist von ungemeiner stilistischer Bandbreite, dem das Publikum seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu Teil werden lässt.

In einer Zeit in der Musikdarbietungen häufig zu ohrenbetäubenden unsensiblen Events werden, bietet Andreas Kleis eine intensive Konzentration auf das Wesentliche: echte Musik.