Selbstversuch

Erfahrungen: Wie ist es, bei Amazon Flex als Fahrer zu arbeiten?

Jonas Seufert

Von Jonas Seufert

So, 21. Juni 2020 um 13:44 Uhr

Wirtschaft

BZ-Plus Für Amazon Flex kann jeder mit einem Auto Pakete ausliefern. Der Stundenlohn ist verlockend, die Arbeit hart. Unser Autor hat den Job einen Monat lang gemacht und seine Erfahrungen aufgeschrieben.

Der Tiefpunkt ist das Billigbier. Es ist heiß, mein T-Shirt klebt, der Kasten mit den grünen Flaschen schlägt mir gegen die Knie. Mein Kunde wohnt im fünften Stock in einem Berliner Altbau. Kein Aufzug.
"Ist halt bequem"
Dreimal bin ich schon nach oben gehastet, Gefriertaschen mit Tiefkühlpizzen um die Schultern, randvolle Papiertüten in den Händen und auch eine Packung Klopapier. Als ich den Kasten keuchend auf die Türschwelle fallen lasse, steht der Kunde da und grinst. Er ist ungefähr so alt wie ich, lange Haare, Typ Student. "Warum machst du das?", frage ich und versuche dabei freundlich zu klingen. Ich meine: Warum bestellst du deinen Großeinkauf bei Amazon und willst ihn dann auch noch so verdammt schnell haben? Er zuckt mit den Schultern: "Ist halt bequem." Er zerrt den Bierkasten aus der Tür, sie fällt ins Schloss. Kein Trinkgeld.
Seit einer Woche arbeite ich als Paketbote für Amazon, den größten Online-Händler der Welt. Freischaffend, maximal flexibel, mit dem eigenen Auto. 25 Euro pro Stunde zahlt Amazon, alle Kosten trage ich selbst.
Das Prinzip ist simpel: Man meldet sich über eine App für Schichten von je zwei oder drei Stunden, fährt zum Lieferzentrum, lädt die Päckchen ein und folgt dann der Route, die die App berechnet. Amazon Flex heißt der Dienst, den Amazon seit mehr als zwei Jahren in Großstädten wie München und Berlin anbietet, neuerdings auch in Nürnberg, Erfurt oder Mannheim. Das Prinzip ähnelt Uber, dem Taxiunternehmen für Privatfahrer, oder Lieferando, wo Kuriere mit dem Rad Essen ausfahren.
Hart und monoton – aber gut, weil gut bezahlt?
Rund 3,7 Milliarden Pakete wurden 2019 verschickt – so viele wie nie zuvor. Durch die corona-bedingte Bestellflut erwartet die Branche dieses Jahr nochmals ein Wachstum von bis zu sieben Prozent. Alle Dienstleister suchen Paketboten, aber die Bedingungen sind hart: lange Schichten, wenig Geld, schwere Pakete, Dauerstress. Viele Unternehmen beschäftigen Subunternehmer, lagern Risiken aus, drücken die Löhne.
Jonas Seuferts Selbstversuch fand schon vor der Corona-Krise statt. Ein Freiburger Paketbote berichtet derweil, dass er in der Krise deutlich mehr Sendungen ausliefert (Mai 2020).
Ich will wissen: Wenn Amazon statt Subunternehmer Freiberufler für sich fahren lässt – entsteht dann eine neue Form der Ausbeutung im digitalen Kapitalismus? Oder ist das alles in allem ein guter Job? Hart und monoton vielleicht – aber gut, weil gut bezahlt?
Das Logistikzentrum von Amazon ist ein grauer Kasten zwischen Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern, hinter dem Flughafen Tegel. Auf der einen Seite liefern Lkw die Waren an. In der Halle hetzen Mitarbeiter mit Rollwagen durch endlose Gänge. Auf der anderen Seite nehmen Sublieferanten ...

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