Steigende Zahlen

Fragen und Antworten zur momentanen Corona-Lage

Katharina Meyer, Thomas Steiner, dpa

Von Katharina Meyer, Thomas Steiner & dpa

Mo, 19. Oktober 2020 um 20:08 Uhr

Deutschland

Die Zahl der Neuinfektionen nimmt stetig zu. Was sind die Ursachen? Und wie werden die Aussichten beurteilt? Wichtig sei jetzt die Einhaltung der Regeln, sagen Experte. Im Land gilt die erweiterte Maskenpflicht.

Woher kommen die steigenden Zahlen?

Die Zahlen der nachweislich Corona-Infizierten steigen rapide an. Experten hatten das ganze Jahr bereits sorgenvoll auf den Herbst geblickt – und diese Befürchtungen bewahrheiten sich jetzt. "Sobald Menschen zusammenkommen, kann das Virus sich verbreiten", sagt Marieke Degen vom Robert-Koch-Institut (RKI).

Und wie bei der Influenza und anderen Erkältungskrankheiten auch findet auch Sars-CoV-2 in der kalten Jahreszeit bessere Bedingungen vor: "Vieles verlagert sich in die Innenräume", so Degen, "dort ist das Abstandhalten und ausreichend Lüften aber schwierig." Auch die Schleimhäute werden im Herbst und Winter anfälliger für Viren. "All das trägt dazu bei, dass sich das Virus stärker verbreitet."

In seinem Situationsbericht verweist das RKI dementsprechend auf zahlreiche Ausbrüche in unterschiedlichen Settings, etwa nach Feiern im Familien- und Freundeskreis, aber auch auf Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen.

Infektionen, die im Ausland erworben wurden, spielen quasi keine Rolle mehr: Ihr Anteil ist laut RKI auf unter fünf Prozent gesunken. Nachdem lange vor allem die jüngeren Bevölkerungsschichten das Virus weitergaben, steigt seit Anfang September der Anteil der älteren Bevölkerungsgruppe unter den Infizierten wieder an – was sich bald auch in den Krankenhauszahlen widerspiegeln könnte.

Wie ist die Lage in den Kliniken?

Hinsichtlich der Kapazitäten an Intensivbetten sei Deutschland in einer weltweit einmaligen Versorgungssituation, sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Von mehr als 30.000 Intensivbetten sind laut Deutscher Interdisziplinärer Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) derzeit mehr als 9000 frei.



Zudem gibt es weitere 12 000 Betten, die im Notfall aktiviert werden können. "Zusätzlich haben wir gezeigt, dass wir zirka 150.000 bis 200.000 normale Betten frei machen können", erklärt Baum. Ihm bereitet eher die ausreichende Versorgung mit geschultem Personal Sorge. Eine entsprechende Auslastung der Betten "würde maximale innerbetriebliche Personalumsetzungen und Konzentrationen in die vordringlich zu versorgenden Bereiche erforderlich machen."

Noch ist es auf den Intensivstationen vergleichsweise ruhig. Rund 850 Corona-Patienten wurden zuletzt (Stand Montag) laut DIVI dort behandelt. Zum Vergleich: Mitte April waren es zeitweise mehr als 2500. Doch die Werte steigen. "Wir haben deutlich zunehmende Zahlen von Covid-Patienten im Krankenhaus", sagt Baum.



Uwe Janssens, Präsident der DIVI, betonte am Montag auf einer Pressekonferenz, wie wichtig eine Herangehensweise ohne Panik sei. Das Frühjahr habe "uns alle ziemlich gerade gerückt", sagte Janssens. Seine Kollegen und er seien aber dennoch zuversichtlich: "Ich kenne keinen Einzigen, der sagt, das wird eine Katastrophe werden." Derzeit blicke man zwar mit Anspannung in die Zukunft. "Wir werden das aber mit Sicherheit schaffen", betonte er.

Wie erfolgreich ist die Nachverfolgung?

Ein wichtiger Faktor der weiteren Entwicklung ist auch, ob die Gesundheitsämter Ausbrüche zurückverfolgen und potenziell Infizierte warnen können. Das kann einer weiteren Ausbreitung vorbeugen. Das System ist allerdings fragil, wie der Berliner Bezirk Neukölln zeigt, der mit besonders vielen Neuinfektionen kämpft. "Wir haben nicht mehr einen Brandherd, sondern multiple Glutnester – nicht Dutzende, sondern Hunderte", sagte Neuköllns Amtsarzt, Nicolai Savaskan, dem Tagesspiegel in der vergangenen Woche.



Bei 70 Prozent der Fälle sei der Infektionsherd nicht mehr zu finden. Schon im September hatte das RKI in einem Epidemiologischen Bulletin geschrieben: "Tatsächlich ist es in der Praxis für Gesundheitsämter und Betroffene oft sehr schwer, die Infektionsquelle einzugrenzen oder zu bestimmen." So könne es sein, dass ein Ausbruch seinen Ausgang am Arbeitsplatz oder bei einer Veranstaltung nehme und in der Folge Übertragungen etwa im familiären Umfeld stattfinden. Und in einigen Umfeldern, so im Bahnverkehr, ließen sich Ausbrüche besonders schwer ermitteln, da die Identität eines Kontaktes im Nachhinein meist nicht mehr nachvollziehbar sei.

Was kann jeder Einzelne tun?

"Es steht und fällt mit der Eigenverantwortung der Leute, ob die sich an die AHA-L-Regel halten oder nicht", sagt Marieke Degen vom RKI. "AHA-L" steht für Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen und Lüften. Das Einhalten dieser Regel hat einen weiteren positiven Effekt: Es dämmt auch die Verbreitung der Grippe ein. Das bestätigen RKI- Daten vom Frühjahr: Damals klang die Grippewelle schnell ab. Eine schwächere Grippewelle jetzt würde die Zahl der belegten Intensivbetten niedriger halten.
Was jetzt die Regel ist

Mit der neuen Corona-Alarmstufe sind die Bestimmungen zum Maskentragen und für Privatfeiern verschärft wordenDie Landesregierung hat die Corona-Alarmstufe Rot ausgerufen. Seit Montaggelten deshalb teils neue Regeln. Hier ein Überblick.
  • Maskenpflicht : Die Pflicht, eine Maske zu tragen, ist ausgeweitet worden. Es gilt nun, wie es seitens des Landes heißt, eine "Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in den dem Fußgängerverkehr gewidmeten Bereichen". Dazu zählen Fußgängerzonen oder Marktplätze und öffentliche Einrichtungen sowie öffentlich zugängliche Bereiche im Freien, "soweit die Gefahr besteht, dass der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann." Wer also bisher beim Samstagsbummel in der Innenstadt die Maske nach jedem Ladenbesuch wieder abgezogen hat, muss sie nun aufbehalten. Die Maskenpflicht beim Einkaufen in Läden und Einkaufszentren bleibt bestehen. Sie gilt nun auch auf Wochen- und Großmärkten im Freien. Bisher war das nur der Fall auf Märkten, die in geschlossenen Räumen stattfinden. In Freizeitparks und Vergnügungsstätten muss in Warteschlangen und geschlossenen Räumen weiter Maske getragen werden. Weiterhin gilt die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, also in Straßenbahnen und Bussen. Auch wenn sie weniger beachtet wird, gilt bereits eine Maskenpflicht auch an den Bahn- und Bussteigen. Diese wird nun de facto auch auf ganze Bahnhöfe ausgeweitet, weil dort die Gefahr besteht, dass der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Im Fernverkehr, also in Zügen, gilt die Maskenpflicht ebenfalls weiterhin. Ausgenommen von ihr sind Kinder unter sechs Jahren und Personen mit entsprechendem Attest.
  • Private Treffen: Bei privaten Treffen, egal ob zu Hause oder in angemieteten Räumen, dürfen nur noch bis zu zehn Personen dabei sein, die aus verschiedenen Haushalten kommen. Zu einer Geburtstagsfeier dürfen also nur bis zu neun Freunde aus neun verschiedenen Haushalten eingeladen werden. Ein Hygienekonzept ist nicht mehr erforderlich, das Abstandsgebot hat bei privaten Treffen nur "empfehlenden Charakter", wie das Land auf seiner Internetseite schreibt, es muss also nicht zu jeder einzelnen Person ein Abstand eingehalten werden. Mehr als zehn Personen dürfen es bei einem privaten Treffen sein, wenn sie aus maximal zwei Haushalten kommen, wenn also zum Beispiel zwei befreundete Familien mit Kindern sich treffen. Eine Beschränkung gilt auch nicht, wenn alle Personen miteinander in gerader Linie verwandt sind. Als Verwandte gelten auch Ehegatten, Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner oder Partnerinnen oder Partner. Kinder zählen in allen Fällen als eigenständige Personen.
  • Veranstaltungen: Für Veranstaltungen wie Elternabende, Eigentümerversammlungen oder Vereinssitzungen dürfen unter Auflagen maximal 100 Menschen zusammenkommen. Es gilt unter anderem für die Teilnehmer eine Mindestabstandspflicht von 1,5 Metern und eine Maskenpflicht, für den Veranstalter die Pflicht, regelmäßig und ausreichend zu lüften sowie die Kontaktdaten der Teilnehmer aufzunehmen.