Leute in der Stadt

Wie sich die Kant-Weltbürger-Preisträgerin gegen Skinheads einsetzte

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 21. Mai 2019 um 11:33 Uhr

Freiburg

Judy Korn hat ein Netzwerk zur Gewaltprävention aufgebaut und dafür den Kant-Weltbürger-Preis erhalten. Sie ging in Berlin auf die Skinheads zu und tatsächlich löste sich die Szene nach und nach auf.

Als Jugendliche erlebte Judy Korn, dass ihre Freunde von Skinheads zusammengeschlagen wurden. Später hat sie die Initiative "Violence Prevention Network" (Netzwerk zur Gewaltprävention) gegründet, deren inzwischen rund 120 Mitstreiter mit rechten und islamistischen Extremisten arbeiten. Am Samstag erhielten Judy Korn und der Tagesspiegel-Journalist Harald Schumann an der Universität von der Freiburger Kant-Stiftung den nunmehr siebten Kant-Weltbürger-Preis in Höhe von 15.000 Euro.

"Sie vermittelten mir: Wenn dir etwas nicht gefällt, musst du etwas dagegen tun." Judy Korn über ihre Eltern
Ihre Eltern haben Judy Korn geprägt. Sie waren Lehrer, Künstler und engagiert gegen Atomkraft. "Sie vermittelten mir: Wenn dir etwas nicht gefällt, musst du etwas dagegen tun", sagt Judy Korn. Als sie, 1971 in Braunschweig geboren, zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin. Dort ging sie in einem gutbürgerlichen Viertel aufs Gymnasium, ihr Umfeld war politisch links. Als Skinheads ihre Freunde angriffen, war Judy Korns erster Impuls, sich der antifaschistischen Aktion (Antifa) anzuschließen. Doch dort ging es nicht anders zu als bei den Skinheads: mit Gewalt gegen Andersdenkende.

Nach und nach löste sich die rechte Szene auf

Sie schlug einen anderen Weg ein, dessen Anfänge ihr im Rückblick naiv vorkommen, der aber genau richtig war: Mit ein paar Freunden ging sie auf die Skinheads zu. Einen von ihnen kannte sie aus der Grundschulzeit, das machte es einfacher. Bei mehreren Treffen, die unter Polizeischutz stattfanden, begriff sie: Die Skinheads waren diejenigen, die nicht wie sie und ihre Freunde in den schönen Häusern mit Gärten wohnten. Sie fühlten sich ausgegrenzt, hatten nicht mal einen Ort, an dem sie sich treffen konnten. Am Ende kämpften die Linken und die Rechten gemeinsam für einen Treffpunkt der Skinheads. Er entstand ein selbstverwalteten Bauwagen; Sozialarbeiter unterstützen die Jugendlichen bei ihren Ausbildungen. Nach und nach löste sich die rechte Szene auf.

Nach einem Studium der Erziehungswissenschaften arbeitete Korn zuerst in der Jugendarbeit im Öffentlichen Dienst. 2004 gründete sie den Verein "Violence Prevention Network", der rechte junge Straftäter in Gefängnissen aufsuchte.

Der Schwerpunkt liegt nun auf jungen Islamisten

Inzwischen hat die Initiative bundesweit mehrere Zweigstellen. Der Schwerpunkt verlagerte sich zu zwei Drittel auf junge Islamisten. Für die gebe es noch weniger Angebote als für Rechte, sagt Judy Korn. Für alle gilt: Statt über Extremisten wird mit ihnen geredet; in einem respektvollen Dialog geht es um ihre Biografie und die Auslöser, die zur Gewalt führten.

Das Wichtigste, sagt Judy Korn, sei der Aufbau einer stabilen Beziehung, denn die sei für die jungen Männer eine neue Erfahrung. Natürlich seien das oft lange Prozesse. Doch sie fand es nie schwierig, sich da hineinzubegeben: "Ich habe bei jedem irgendwas Sympathisches gefunden," sagt sie. Mittlerweile steckt sie nicht mehr in der direkten Arbeit, sondern zieht die Fäden im Hintergrund. Ein Grund dafür ist, dass sie sich und ihre Familie mit ihrem fast zehnjährigen Sohn nicht gefährden will. Bisher kamen zwar keine Drohungen aus den Täterkreisen, aber immer öfter Shitstorms bis hin zu Morddrohungen aus den wachsenden rechtspopulistischen Milieus. Gegen deren Erstarken wünscht sich Judy Korn mehr Engagement: Nicht zuletzt von der Politik, die es nicht hinnehmen dürfe, dass immer mehr Kinder mit Essensspenden aufwachsen und durchs Raster fallen.

Harald Schumann erhielt den Kant-Preis für seinen investigativen Journalismus, wie zum Beispiel die Doku "Das Microsoft-Drama".