Landgericht Freiburg

Teninger Mordprozess: Quälende Beschreibung einer grausamen Tötung

Carolin Buchheim, aktualisiert um 15.20 Uhr

Von Carolin Buchheim & aktualisiert um 15.20 Uhr

Mi, 04. April 2018 um 09:23 Uhr

Freiburg

Anne M. und ihr vierjähriger Sohn Noah sind tot. Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus. Der Angeklagte behauptet, eine geplante Entführung seines Kindes sei "schief gegangen". Am Mittwoch hat der Mordprozess gegen einen 53-jährigen Freiburger begonnen. Unter Tränen beschrieb Nasr-Eddine B. seine grausame Tat.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 5. April 2018, um 8.30 Uhr fortgesetzt.
Aussage des psychiatrischen Gutachters zur Aussage des Angeklagten zur Tat
15.35 Uhr: Der psychiatrische Gutachter Franz-Xaver Regel trägt nun vor, was der Angeklagte ihm im Rahmen der Exploration zur Tat geschildert hat. B. habe sich zunehmend unverstanden gefühlt, die Verantwortung für das Kind zu tragen. Ende 2015 habe B. sich zur Trennung entschlossen. Es habe viele Emotionen gegeben, man habe sich jedoch geeinigt, für Noah die Trennung zu organisieren.

Ende 2016 soll es ein Treffen von Anne M. mit ihrem Vater gegeben haben; B. nahm an, dass die beiden einen eigenen, heimlichen Auszugsplan gemacht hätten. Anne M. begann mit dem Packen ihrer Sachen.

Am 5. Mai 2017 habe B. einen Rucksack entdeckt, der Sachen von Anne und Noah M. enthielt. Er habe ihr gesagt, sie könne nicht einfach so ausziehen. Sie habe ihm gesagt, dass sie die Polizei rufen werde, und sagen würde, dass er sie bedrohe. Die Polizei kam, die Situation war ruhig, Anne und Noah verließen die Wohnung. Eine Bedrohung "dass das blutig enden würde", habe er nicht ausgesprochen.

"Wir haben gegeneinander gekämpft, als ich gesehen habe, dass sie blutet, bin ich rausgegangen." Nasr-Eddine B. über den Angriff im Auto Am 6. Mai hätten Familienmitglieder die Sachen von Anne und Noah M. aus der Wohnung entfernt. Im Anschluss hätte ein "Marsch durch die Institutionen" stattgefunden, um wieder Kontakt zum Sohn zu bekommen. "Das belastete ihn schwer", sagt Regel. Im Juni heiratete er die Cousine. Am 20.Juli gab es ein einziges Treffen mit dem Sohn unter Aufsicht. Landsleute hätten gesagt, dass es sehr schwer für Männer aus Nordafrika sei, Kontakt zu den Kindern zu halten; sie würden vor Gericht nicht gut bewertet. Als Reaktion darauf habe er den Plan entwickelt, Deutschland zu verlassen. Er habe geplant, über Mulhouse nach Algerien mit Noah zu fliegen. Hass auf Anne M. habe er nicht entwickelt.

B. habe in Folge geplant, Noah zu entführen. Er mietete ein Carsharing-Auto, packte Sachen für Noah und fuhr nach Teningen. Der Plan sei gewesen, ihr den Weg zu versperren, ihr mit dem Messer zu drohen, sie mit Handschellen am Lenkrad zu fesseln, mit Noah nach Frankreich und dann nach Algerien zu fliegen. Doch alles sei "schief gelaufen". Sie habe ihn mit dem Wagen gerammt, er sei ausgestiegen, habe versucht, die Autotüren zu öffnen. Das sei nicht möglich gewesen, dann schlug er insgesamt drei Scheiben des Autos ein, kletterte durch das hintere Fenster auf der Beifahrerseite ins Auto.

"Wir haben gegeneinander gekämpft, als ich gesehen habe, dass sie blutet, bin ich rausgegangen." "Draußen habe ich von den Leuten gehört: "Das Kind, das Kind." An die Tötung seines Kindes habe er keine Erinnerung. "Ich habe meinen Sohn nicht getötet. Ich habe meinen Sohn nicht getötet", habe er in der Exploration gesagt und heftig geweint. "Mein Leben ist kein Leben, ich kann gar nicht leben. Ich habe meinen Sohn getötet, zwei Menschen umgebracht. Gott verzeiht mir das nicht. Mein Sohn, mein Sohn."

Aussage des psychiatrischen Gutachters über die biographischen Angaben des Angeklagten
15.16 Uhr: Die Beweisaufnahme beginnt. Der psychiatrische Gutachter Franz-Xaver Regel sagt als Zeuge aus. Der 55-Jährige ist Oberarzt am ZfP Emmendingen. Er gibt jetzt die Biographie des Angeklagten wieder, so wie sie ihm im Rahmen der Exploration geschildert wurde.

Nasr-Eddine B. wurde 1965 geboren und wuchs als einziges Kind seiner Eltern auf. Die Ehe der Eltern war unglücklich, wurde bald geschieden. Die Mutter erhielt das Sorgerecht, der Vater kein Besuchsrecht. Als Kleinkind wurde er für einige Jahre bei Verwandten untergebracht, kam erst mit fünf Jahren wieder zu seiner Mutter.

Die Kindheit sei überschattet gewesen von der Angst, der Vater könne ihn entführen. Erst, als er im Grundschulalter war, kam wieder Kontakt zum Vater zustande. Im Alter von elf oder zwölf sei er mit seiner Mutter gar gezwungen gewesen zu betteln. Als Teenager zog er ins Haus des Vaters. Nach dem Abitur begann er eine Ausbildung als Krankenpfleger, auch, um seine Mutter finanziell zu unterstützen. Ende der 80er Jahre verkrachte er sich mit dem Vater, unternahm 1989 zwei Suizidversuche. Aus einem Gefühl der Einsamkeit heraus, habe er sich damals vermehrt der Religion zugewandt.

"Herr B. fühlte sich als einziger verantwortlich für das Kind." Angabe des Angeklagten gegenüber dem psychiatrischen Gutachter Eine erste Heirat ging der Angeklagte 1996 ein, 1997 kam eine Tochter zur Welt. Die Ehe zerbrach 1999, Kontakt mit der Tochter bestand bis 2010. Im Jahr 2000 verließ er Algerien, ging zunächst nach Frankreich, kam dann nach Deutschland. 2002 traf er in Emden eine Frau, die er heiratete. 2004 arbeitete er als Pfleger, musste die Stelle bald aufgeben; arbeitete danach bei VW als Zeitarbeiter. Anschließend wurde er krank mit Rückenschmerzen, hatte auch psychische Probleme.

2009 zerbrach die Ehe und wurde geschieden. B. konnte nicht mehr als Pfleger arbeiten. 2009 begann er eine Umschulung zum Pflegedienstleiter, in deren Rahmen er Anne M. kennen lernte. Die Beziehung begann, man hatte Pläne, sich gemeinsam mit einem Pflegedienst selbständig zu machen. Doch gesundheitliche Probleme durchkreuzten die Pläne; B. wurde Hausmann. Anne M. wurde schwanger. Am 19. Juni 2013 wurde Noah geboren. Der Junge war krank, brauchte intensive Betreuung. Anne M. habe sich nicht ausreichend um das Kind kümmern können oder wollen, so der Eindruck des Angeklagten. "Herr B. fühlte sich als einziger verantwortlich für das Kind", trägt Regel vor.

Ende 2013 habe B. noch einen Arbeitsversuch unternommen, nach drei Monaten habe er die Stelle jedoch verloren. Die Beziehung zum Sohn sei wichtig gewesen. "Er habe bei Noah alles wieder gut machen wollen, was er bei seiner Tochter falsch gemacht habe." B. habe noch einmal gearbeitet, der Plan, einen Pflegedienst in Emmendingen zu kaufen, habe sich zerschlagen. Die Kita-Zeiten von Noah seien verringert worden, damit er mehr Zeit mit dem Kind habe verbringen können. Nach 2015 arbeitete er nicht mehr. Von seiner ...

BZ-Archiv-Artikel

Einfach registrieren und Sie können pro Monat 5 Artikel kostenlos online lesen - inklusive BZ-Plus-Artikel und BZ-Archiv-Artikel.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 5 Artikel pro Monat kostenlos
  • BZ-Plus-Artikel lesen
  • Online-Zugriff auf BZ-Archiv-Artikel
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat
  • An 18 Standorten in Südbaden – von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten
  • Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.
  • Komfortable Anzeigenaufgabe und -verwaltung
  • Weitere Dienste wie z.B. Nutzung der Kommentarfunktion
  • Zugang zu mehreren Portalen der bz.medien: badische-zeitung.de, fudder.de und schnapp.de

* Pflichtfelder

Anmeldung

* Pflichtfelder

Meine BZ