Freiburg-Stühlinger

Zwei Ehrenamtliche sollen Konflikte auf dem Stühlinger Kirchplatz reduzieren

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 22. September 2019 um 15:31 Uhr

Freiburg

Der Sonntag "Talk to me" steht auf ihren blauen T-Shirts: Die Ehrenamtlichen des Projekts Building Bridges knüpfen Kontakte mit den Nutzern des Stühlinger Kirchplatz – und sollen helfen, den Platz zu befrieden.

Die Situation auf dem Stühlinger Kirchplatz an diesem späten Donnerstagnachmittag könnte entspannt wirken. Obwohl der Herbst gleich hinter dem Horizont lauert, ist es noch warm und auf dem Platz genießen sie die Sonne: die Pärchen, die im Gras liegen, Eltern, die am Spielplatz wechselnde Blicke auf ihre Smartphones und den kletternden Nachwuchs werfen. Und auch die Grüppchen junger afrikanischer Männer, die hier und da herumstehen oder -sitzen.

Und dann ist da der Bus der Polizei, der seine Kreise um den halbrunden Platz vor der Herz-Jesu-Kirche fährt. Die Anwesenden beachten ihn kaum. Aber er ist Mahnmal dafür, dass jederzeit eine Razzia stattfinden kann, wie es sie zuletzt häufig gab – auf dem Stühlinger Kirchplatz in Freiburg, der derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung als Südbadens Drogenkauf-Hotspot Nummer eins gehandelt wird.

"Die meisten hier wollen einfach nur chillen." Nelson Momoh
In der Mitte der Wiese sitzt rund ein Dutzend afrikanisch-stämmiger Männer und trommelt auf Percussion-Ausrüstung aller Art herum, auf Zuruf entwickelt sich ein Rhythmus nach dem anderen. Die vorherrschende Kleidungsfarbe ist schwarz, und so stechen die zwei himmelblauen T-Shirts hervor, auf denen die Aufforderung steht: "Talk to me" – Sprich mich an. Die Shirts tragen Babacar Kébé und Nelson Momoh, die ebenfalls aus Afrika stammen, aber keine Gambier sind, wie die meisten Ausländer auf dem Platz. Die beiden Mittfünfziger sind an diesem Nachmittag für das von der Stadt in Gang gesetzte Projekt "Building Bridges" – Brücken bauen – unterwegs. Die Brücken sollen entstehen zwischen den Migranten auf dem Platz und der Stadtgesellschaft. Seit dem 12. August sind die beiden unterwegs und ab dem späten Nachmittag fester Bestandteil der Szenerie auf dem Platz. "Wie finden Sie es hier?", fragt Nelson Momoh und schwenkt mit der Hand von den Trommlern hinüber zu den Grüppchen am Rand. Anders als mancher annehme, seien die jungen Leute nicht hier, um auf dem Platz einen Drogenumschlagplatz zu installieren, erklärt er – der Stühlinger Kirchplatz sei schlicht der regionale Treffpunkt vor allem für aus Gambia stammende Flüchtlinge. "Und die meisten hier wollen einfach nur chillen", sagt der Brückenbauer.

Kébé und Momoh haben Flugblätter dabei, auf englisch und französisch bedruckt. " Jeder kann Zeit auf dem Stühlinger Kirchplatz verbringen", steht darauf, "die einzelnen Gruppen respektieren die Bedürfnisse und Wünsche der anderen". Und natürlich "Talk To Us – Viens nous parler – Sprich uns an". Im Idealfall werden Babacaar Kébé und Nelson Momoh akzeptierte Vertrauenspersonen auf dem Platz, so wünscht es sich die Stadtverwaltung. Erste Anzeichen dafür gibt es: "Einige nennen uns ’die Onkels", sagt Kébé.

Zugang zu den Männern zu finden, ist nicht einfach

"Building Bridges" ist ein ehrenamtliches Projekt, angedockt am städtischen Amt für Migration und Integration. Die Aktiven bekommen eine Aufwandsentschädigung, die die Stadt aus Landesmitteln auszahlt, das soziokulturelle Projekt Schwere(s)los hilft mit Räumlichkeiten und auch mal mit Musikinstrumenten. "Wir finden das gut", sagt Katja Niethammer, Leiterin des Amts für Migration und Integration. "Zugang zu den jungen Männern auf dem Platz zu finden, ist ja nicht ganz einfach." Wunder bewirken könnten die beiden Brückenbauer natürlich nicht. "Es ist ein Beitrag zur Befriedung auf dem Platz."

Die ist notwendig, weil seit einigen Jahren die Präsenz der Afrikaner auf der Grünfläche im Herzen des Stadtteils Stühlinger viele Bürger verunsichert. Auch der Drogenhandel, den es dort schon seit Jahrzehnten gibt, hat so ein neues Gesicht bekommen und ängstigt Bürger mehr als früher, als er noch in osteuropäischer Hand war. Die Polizei reagierte diesen Sommer mit intensiven Kontrollen, bei denen Hunde Drogenverstecke aufspürten und Drohnen die Szenerie aus der Luft überwachten. "Die Polizei muss ihre Arbeit tun", sagt Nelson Momoh. Aber längst nicht alle sind hier kriminell. Zahlen zu dieser Frage gibt es allerdings nicht. "Die Polizei führt keine Aufzeichnungen darüber, wie groß der Anteil von Kriminellen zu Nichtkriminellen an bestimmten Orten ist", schreibt Polizeisprecher Jerry Clark auf Anfrage.

Nelson Momoh und Babacar Kébé, die Männer von "Building Bridges", passen nicht von ungefähr in das Projekt. Momoh hat in Nigeria Sozialarbeit studiert und kennt es, wenn man woanders erstmal nicht richtig reinpasst. Als er vor 30 Jahren über das Goethe-Institut nach Freiburg kam, war sein Studium erstmal nichts mehr wert – der Abschluss ward nicht anerkannt. Babacar Kébé stammt aus dem Senegal und damit aus einem Nachbarland von Gambia. Auch er lebt seit rund 30 Jahren in Freiburg und arbeitet dort unter anderem im Dolmetscherpool der Stadt, dessen Mitglieder aushelfen, wenn Gespräche beispielsweise mit Flüchtlingen anstehen. Dank dieses Hintergrunds kannte er so manchen jungen Mann vom Stühlinger Kirchplatz schon vorher.

Der Donnerstagnachmittag hat für Kébé denn auch nicht mit Trommelspielen begonnen, sondern mit dem Lesen von Briefen. Die jungen Gambier zeigen sie ihm, sie stammen von Ämtern oder der Staatsanwaltschaft und könnten für viele auch auf Chinesisch verfasst sein. Damit ist Kébé Ansprechpartner für eine ganze Region, denn was Flüchtlinge angeht, reicht der Einzugsbereich des Stühlinger Kirchplatzes weit über Freiburg hinaus. "Sie kommen aus Löffingen, Neustadt oder Rheinfelden", erklärt er. Nach Freiburg gingen sie, um in Gesellschaft zu sein. Oder weil sie in ihren Heimen fürchteten, zur Abschiebung abgeholt zu werden. Manche blieben tagelang auf dem Platz und schliefen irgendwo in der Nähe.

Die meisten jungen Männer brauchen Arbeit – oder Beschäftigung

Babacar Kébé verlässt seinen Platz bei den Trommlern und kommt mit Yankuwa zurück. Der 21-Jährige fährt jede Woche mehrfach mit dem Zug in Richtung Freiburg und Kirchplatz. Warum? "Ich lebe im Container", sagt er, "in Neustadt". Was passiert, wenn man als 21-Jähriger wegen seines Aufenthaltsstatus nicht arbeiten darf und also den ganzen Tag im Container in Neustadt sitzt? "You become crazy". Seine Regiokarte für die Eisenbahn sei ihm mit das Wichtigste, erklärt Yankuwa, und man kann es schon verstehen.

Und so kennen Babacar Kébé und Nelson Momoh vom Stühlinger Kirchplatz das tauglichste Mittel zur Befriedung: Arbeit oder Beschäftigung. Nach den Feierlichkeiten zum 1. Mai haben die Onkels vom Kirchplatz mit einigen der afrikanischen Platznutzer die Wiese aufgeräumt, vergangene Woche sind sie mit einer Kirchplatz-Mannschaft bei einem Fußballturnier der örtlichen Wohnbaugesellschaft Stadtbau angetreten. "Wir haben gewonnen", sagt Nelson Momoh und grinst.