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Freiburger Tüftler messen, wie viele Menschen die Corona-App nutzen

Joshua Kocher

Von Joshua Kocher

Di, 15. Dezember 2020 um 11:35 Uhr

Freiburg

23 Millionen Mal wurde die Corona-Warnapp heruntergeladen. Doch wie viele Menschen sie im Alltag auch nutzen, ist nicht bekannt. Zwei Freiburger haben an Bahnhaltestellen deshalb Signale gemessen.

Bahnhaltestelle Berliner Allee in Freiburg. Sebastian Müller, schwarzer Trenchcoat, Kapuzenpulli, Maske, steht im Wartehäuschen und hantiert mit einem Messer an einer Plastikbox herum, aus der bunte Drähte lugen. Dann legt er die Box auf einen Stahlbalken im Wartehäuschen und läuft ein paar Meter weg. "Gleich ruft bestimmt jemand die Polizei", sagt er. Aber es passiert: nichts.

Zumindest nichts Sichtbares. Doch wenn Sebastian Müller und sein Begleiter Jens "Fuzzle" Rieger vom Chaos Computer Club auf ihre Handys schauen, dann sehen sie etwas ziemlich Spannendes. Sie sehen, wie viele Passanten die Corona-Warnapp eingeschaltet haben. Denn in der Box sind zwei Platinen verbaut, die unterschiedliche Funkstandards empfangen können. Eine Platine misst, wie viele WLAN-fähige Geräte in der Umgebung sind. Die andere, wie viele Geräte ein Bluetooth-Signal aussenden oder sogenannte "Beacons", die Austauschsignale der Corona-Warnapp. Datenschutzkonform und anonym, wie die beiden betonen.
Wie funktioniert die Messung im Detail? Und wie lässt sie sich nachmachen? Das erklärt Sebastian Müller in seinem Blog.

Es ist ein Experiment, das zwar weder repräsentativ noch 100 Prozent verlässlich ist. Es ist aber ein Experiment, das zumindest ein paar wichtige Anhaltspunkte liefern kann. Denn bis heute ist völlig unklar, wie viele Menschen die Corona-Warnapp tatsächlich nutzen. Dabei wäre es wichtig, genau das zu wissen.

Denn damit die Corona-Warnapp einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten kann, müssen möglichst viele Menschen sie installieren und auch nutzen. 60 Prozent der Bevölkerung sollten mitmachen, hieß es im Sommer einer Studie der Universität Oxford folgend. Eine der Studienautorinnen betonte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung aber, dass die App schon zu wirken beginne, wenn 15 Prozent mitmachen.



23,5 Millionen Mal wurde die App heruntergeladen

Bisher wurde die App in Deutschland 23,5 Millionen Mal heruntergeladen, heißt es vom Robert Koch-Institut. Geht man davon aus, dass jeder Mensch die App nur einmal herunterlädt, wäre das etwa jeder vierte Deutsche. Ein Minimal-Erfolg also?

Der wäre es, wenn man davon ausgeht, dass all diese Menschen die App in ihrem Alltag auch wirklich nutzen. Doch ob das so ist oder nicht, das kann oder will das Bundesgesundheitsministerium trotz mehrmaliger Anfrage nicht beantworten. Ein Zugriff auf die erhobenen Daten sei nicht vorgesehen, schreibt ein Sprecher. Dabei müsste man einfach nur einen Blick in die Entwicklerkonsole im App-Store werfen und würde sehen, wie viele Geräte täglich ihren Schlüssel beim Server abfragen – datenschutzkonform, sagt Jens Rieger vom Chaos Computer Club. Laut dem Bundesgesundheitsministerium soll das aber unscharf sein.

Die Daten von Sebastian Müller und Jens Rieger bringen immerhin etwas Licht ins Dunkel. Nach einem Tag Messen steht fest: Der Anteil der Warnapp-Nutzer unter den Geräten mit eingeschaltetem Bluetooth variiert meistens zwischen 15 und 30 Prozent. Jedes dritte bis sechste Bluetooth-Gerät hat also auch die Warnapp installiert.



Diese Ergebnisse deckten sich in etwa mit weiteren Messungen auf der Bahnhofsbrücke, im Regio-Zug von Freiburg nach Bad Krozingen und am Platz der Alten Synagoge, sagt Müller. Doch wie viele Menschen tatsächlich Corona-Warnapp-Nutzer sind und so dabei helfen, die Pandemie einzudämmen – das bleibt nach wie vor im Dunkeln.