Immer häufiger wird mitten im Sommer geherbstet

Hubert Röderer

Von Hubert Röderer

Sa, 08. August 2020

Offenburg

Weinlese 2020 in der Region vielleicht so früh wie nie.

. Früh wie nie zuvor könnte in diesem Jahr die Weinlese beginnen "Wir sind von der Vegetation her gegenüber 2018 und 2019 vielleicht sogar noch einen Tick früher dran", sagt Johannes Werner, als Weinbauberater beim Landratsamt für die Winzerinnen und Winzer im Ortenaukreis zuständiger Ansprechpartner in allen Fragen rund um den Weinbau. Seit vier Jahren im Amt, sei es inzwischen schon fast normal, dass mitten im kalendarischen Hochsommer der "Herbst" beginnt. Damit ist nicht die dritte Jahreszeit gemeint, sondern das im alemannischen Sprachraum populäre Synonym für Weinlese.

Kaum war das Interview beendet, traf in der Redaktion die E-Mail ein, in der die Weinmanufaktur Gengenbach-Offenburg, die im Kinzigtalstädtchen beheimatete Winzergenossenschft, in der die früher sebständigen Genossenschaften Ortenberg, Fessenbach und Zell-Weierbach aufgegangen sind, für den 20. August zur Findling-Lese einlädt. Geerntet wird traditionell in der Lage Zeller Abtsberg, der Most wird nach ein paar Tagen als Neuer Wein oder Federweißer auf den Markt gebracht. Die frühere WG Zell-Weierbach war vor Jahrzehnten schon einer der ersten Weinbaubetriebe Badens, der mit der Lese gestartet hat. Der Weinbauberater schließt nicht aus, dass hier oder dort sogar noch ein, zwei Tage früher begonnen wird – das wäre dann wohl wirklich ein Frührekord.

Wer zuletzt durch die hügeligen Höhen ringsum – ob bei Offenburg, Lahr oder Ettenheim, – gewandert ist, dürfte auch als Laie Werner zustimmen: "Die Trauben sind extrem gesund." Kaum mal, dass eine wenig schöne Beere den Gesamteindruck trübt. Allerdings – und das sieht nur der Fachmann: "Jetzt fehlt es überall an Niederschlägen." Bis Mitte Juli habe es immer wieder mal so geregnet, dass die Reben davon profitieren konnten, "doch seither haben wir kaum Niederschläge". Zwar seien gerade am vergangenen Wochenende über viele Stunden hinweg schwere, dunkle Wolken am Himmel gehangen, "doch die paar Liter Regen, nicht mal zehn pro Quadratmeter, sind nicht mehr als der Tropfen auf den heißen Stein gewesen". Ältere Anlagen, deren Wurzeln über viele Meter in den Boden hineinreichen und dort Feuchtigkeit aus tiefen Regionen herausziehen können, stehen laut Werner noch kerngesund und putzmunter da, mit einer schönen, grünen Laubwand, bei "Junganlagen bis im siebten Standjahr" hingegen sehe man bei den "basalen Blättern" – vom Trieb aus gesehen die nächsten – schon hie und da eine Gelbfärbung: "Das ist ein Zeichen von Trockenstress." Regen könnte jetzt zur Entspannung führen. Doch der sei leider nicht in Sicht – im Gegenteil: Gerade für die kommenden Tage sind hochsommerliche Temperaturen angekündigt, aber keinerlei Niederschläge, auch keine kurzzeitigen.

So seien die Winzer jetzt eben gezwungen, mit "Bewässerungsgaben" nachzuhelfen – auf dass die für die Zuckerproduktion innerhalb der Beeren so wichtigen Blätter vital bleiben. Doch selbst wenn es zeitnah doch noch regnen wird, heitern sich die Winzermienen noch lange nicht auf. Bis zur Hauptlese – sie soll bereits in der ersten Septemberwoche mit Müller-Thurgau starten – kann einfach noch zu viel passieren. Zu viel Regen lässt die Beeren schwerer und größer werden. Sie drohen zu platzen, was mit Fäulnis verbunden wäre und mit der Bildung von Essigstich.

Nicht zu vergessen auch: Hagel hat immer wieder mal noch auf der Zielgerade die schönsten Hoffnungen zunichte gemacht.

Was laut Johannes Werner den Winzern immer mehr Kummer bereitet: Die Esca-Krankheit greift um sich – ein Pilz, der das Holz angreift und zum Absterben des Rebstocks führen kann. "Die Symptome zeigen sich vor allem in und nach Stressjahren." Frost kann genauso ausschlaggebend sein wie ein extrem heißer und trockener Sommer.