Jazz, bei dem Bilder aufgehen

Heidi Ast

Von Heidi Ast

Di, 11. Februar 2020

Lahr

Das Richard Ebert Quartett im Lahrer Stiftsschaffneikeller.

LAHR. "Abreisetag", so der Titel des aktuellen Albums von Jochen Aldinger (Piano), Christoph Hutter (Kontrabass), Patrick Neumann (Schlagzeug) um ihren Bandleader Richard Ebert (Altsaxophon). Musikalisch sich in sehr vielen Richtungen bewegend, durchziehen hoffnungsfrohe als auch sehnsüchtige Tonfolgen das Programm, welches das Richard Ebert Quartett an diesem Samstag im Lahrer Stiftsschaffneikeller offeriert.

"Stück für Stück" als erster Titel des Abends bietet vom ersten Ton einen dynamischen Gesamteinsatz von Aldinger, Hutter und Neumann bevor Ebert mit cremigem Groove sein Altsaxophon darüber setzt. Neuman setzt Akzente mit dem Snare in den sämigen Fluss seines Vorbläsers. Die Jazzstücke haben Titel wie "NYX", "Im Puls" oder "Wurzel aus 70" - Musik und Mathematik haben ja Schnittmengen, könnte man denken. Doch bei einem Gespräch mit der Band erfährt man, dass sich der Song auf eine andere Formation mit Namen Route 70 bezieht.

"NYX", möglicherweise mit Bezug zur griechischen Göttin der Nacht, eröffnet Aldinger am Flügel mit hellen Dur-Akkorden, während Eberts Saxophon in einem schwingenden Modus verfällt, durchbrochen von knarzigen Sidesteps. Das gemeinsame Fließen wird fragmentarischer, bis Aldinger wieder das Intro aufnimmt, in das alle anderen feinfühlig und schwerelos einfallen. Die musikalischen Stimmungen wechseln, so wie auch Gefühle an einem Abreisetag. "Im Puls" hat einen positiven Grundton mit rasantem Zwischenspiel und angedeutetem Tick Tack. Jeder Musiker scheint eine Insel, die durch die Noten ihren Zusammenhalt entwickeln. "Wurzel aus 70" erinnert an einen nächtlichen Streifzug durch das New York der Dreißiger Jahre. "Jaqueline" – so der Titel des ersten Stück nach der Pause, angelehnt an einen Titel des Jazzpianisten Duke Pearson. Eberts Altsaxophon mäandriert im Uptempo, um dann auf die akzentuierten Einzeltöne der Kollegen aufzusetzen. Hier flackert metaphorisch das Neonlicht der Großstädte. Zwei weitere sehr bildhafte Songs sind "Aus den Memoiren des Fernfahrers Benito C" und der aktuelle Albumtitel "Abreisetag".

Gemächlich bringt Hutters gezupfter Bass Benito in Fahrt, die Besen streicheln die Snare Drums, während das Altsaxophon sehnsüchtige Streifzüge einer langen Fahrt, an Landschaften vorbeifliegend, nachzuzeichnen scheint. Energetische Spielfreude zeichnet dieses Quartett aus – eine würdige Eröffnung des 1. Jazzabends des Lahrer Kulturvereins 2020.