Tarifrunde Metall

"Jetzt ist die Situation schwierig"

Jörg Buteweg

Von Jörg Buteweg

So, 17. Januar 2021 um 20:30 Uhr

Wirtschaft

Vor der zweiten Verhandlungsrunde in der Metallindustrie diskutieren Ahmet Karademir von der IG Metall und Stephan Wilcken vom Arbeitgeberverband und Südwestmetall.

Mitten in der Corona-Pandemie handeln Arbeitgeber und Gewerkschaft der Metall- und Elektroindustrie Löhne, Gehälter und Arbeitsbedingungen neu aus. Die Industriegewerkschaft Metall will die Arbeitsplätze der Beschäftigten sichern und eine Lohnerhöhung erreichen, die Arbeitgeber wollen die Arbeitskosten senken. Dennoch zeigen sich die beiden südbadischen Vertreter der Tarifparteien zuversichtlich, bis Ende März eine Einigung zu erzielen. Am Montag (18. Januar) findet in Baden-Württemberg und einigen anderen Regionen die zweite Verhandlungsrunde statt.

BZ: Herr Wilcken, Herr Karademir, warum eine Tarifrunde mitten in der Corona-Pandemie?
Wilcken: Ganz einfach, die IG Metall hat den Tarifvertrag gekündigt, also muss man darüber verhandeln. Ich hätte zwar nichts dagegen, die Tarifrunde noch einmal zu verschieben, bis Klarheit herrscht, wie es wirtschaftlich nach der Pandemie weitergeht. Aber das will die Gewerkschaft nicht.
Karademir: Wir haben im Frühjahr 2020 angesichts der Pandemie den Tarifvertrag verlängert – ohne höhere Löhne, weil wir gesagt haben, wir wollen Beschäftigung sichern. Aber die Beschäftigten haben seit dem 1. April 2018, als die Entgelte um 4,3 Prozent erhöht wurden, keine Lohnsteigerungen mehr bekommen. Jetzt ist es deswegen Zeit, die Entlohnung neu auszuhandeln.

BZ: Wie handelt man corona-konform einen neuen Tarifvertrag aus? Da sind ja nächtelange Sitzungen zahlreicher Personen üblich.
Wilcken: In einer Mischung aus wenigen anwesenden Personen und anderen, die online zugeschaltet werden. So, wie wir es in den vergangenen Monaten gelernt haben.
Karademir: Und weil die Hotels mit ihren Konferenzräumen geschlossen sind, geht die IG Metall auch ganz entspannt zum Arbeitgeberverband.
BZ: Zur Tarifauseinandersetzung gehören Warnstreiks und Kundgebungen vor den Werkstoren. Da stelle ich mir in einem Pandemie-Winter die Mobilisierung der Gewerkschaftsmitglieder schwierig vor.
Karademir: Im Frühjahr im Sonnenschein ist so etwas netter, keine Frage. Aber seien Sie sicher: Wenn es nötig werden sollte, unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, dann werden die IG-Metall-Mitglieder da sein – selbstverständlich corona-konform.
Wilcken: Da habe ich keine Zweifel. Im Übrigen sehe ich die Tarifauseinandersetzung sportlich. Nicht, dass ich die roten Fahnen für nötig hielte – aber das gehört dazu. Den Geschäftsführern, die sich darüber aufregen, sage ich immer: Die Zeit, die für Streiks verloren geht, die bezahlt nicht der Betrieb, sondern die IG Metall aus der Streikkasse. Und wenn die Auftragslage flau ist – was kann einem Betrieb Besseres passieren?
IG Metall

Mit 2,3 Millionen Mitgliedern ist die Industriegewerkschaft Metall die größte Einzelgewerkschaft der Bundesrepublik. In Baden-Württemberg hat die Arbeitnehmervertretung rund 446 000 Mitglieder. In der Ortenau sind es etwa 15 000 Mitglieder, die Geschäftsstellen Lörrach und Freiburg zählen zusammen rund 17 000 Mitglieder.
Südwestmetall

Im Arbeitgeberverband Südwestmetall – der hiesigen Gliederung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall – sind 1000 Unternehmen aus Baden-Württemberg mit 540000 Beschäftigten organisiert. Zur Bezirksgruppe Freiburg zählen 70 Betriebe mit 24 000 Mitarbeitern. Ihr Bereich reicht von der Ortenau bis zur Schweizer Grenze.

BZ: Ist die Lage so schlecht? Die Statistiker melden seit einigen Monaten wieder steigende Bestellungen in der Industrie. Auch der Maschinenbau, eine wichtige Branche in Baden-Württemberg, berichtet, dass es wieder aufwärts geht.
Wilcken: Ich würde sagen, die Lage ist durchwachsen. Es gibt große Unterschiede zwischen den Betrieben.
Karademir: Es gibt eine Drittelung. Ein Drittel der Betriebe in der Metallbranche war schon vor der Pandemie in Schwierigkeiten. Ein Drittel hat ordentlich zu tun und ein Drittel der Firmen in der Ortenau – für diese Region kann ich im Detail sprechen – kann sich vor Aufträgen kaum retten. Da sind Sonderschichten und Sonntagsarbeit an der Tagesordnung.

BZ: Die Autozulieferer in der Region haben zu kämpfen. Nicht so sehr wegen der Corona-Pandemie, sondern wegen des Umbruchs in der Autobranche mit der wachsenden Bedeutung des Elektromotors. Aber wo läuft es gut?
Karademir: Alles rund um die eigenen vier Wände. Lüftung, Sanitär, Möbelzulieferung – die Firmen haben Aufträge bis unters Dach. Das wird in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen, weil da die Krise dominiert. In den erwähnten Bereichen wird auch gut verdient.

BZ: Was verstehen Sie darunter?
Karademir: Da werden Umsatzrenditen (Gewinn im Verhältnis zum Umsatz, d. Redaktion) um die zehn Prozent erzielt.
Wilcken: 60 Prozent der Betriebe in der Metall- und Elektroindustrie haben Renditen von weniger als zwei Prozent. Rund ein Drittel hat 2020 mit Verlust abgeschlossen.

BZ: Die Arbeitgeber wollen Kosten senken, das wollen sie eigentlich immer. Die IG Metall will Beschäftigung sichern und um die vier Prozent Lohnerhöhung durchsetzen – wie geht das zusammen?
Karademir: Wie gesagt, es gibt nicht wenige Betriebe, die hervorragend verdienen. Wie soll ich den Kolleginnen und Kollegen dort erklären, dass sie ständig Zusatzschichten leisten müssen, aber keine Lohnerhöhung bekommen können, weil es beim Daimler gerade nicht gut läuft. Wir müssen beim Tarifvertrag die Grenze so ziehen, dass alle noch leben können.

BZ: Und wenn die Erhöhung, die Sie anpeilen, zu viel ist für einen Betrieb?
Karademir: Dann haben wir unser Pforzheimer Abkommen von 2004. Wenn ein Unternehmen seine Geschäftszahlen auf den Tisch legt und wir feststellen, dass die Lage tatsächlich schwierig ist, werden wir als Gewerkschaft uns nicht verweigern, eine Lösung zu finden. Das kann eine Verschiebung von Sonderzahlungen sein, das kann phasenweise unbezahlte Mehrarbeit sein – immer verknüpft mit Beschäftigungssicherung.
Wilcken: Das Pforzheimer Abkommen funktioniert grundsätzlich, aber bis man zu einer Vereinbarung kommt, dauert es sehr lange – zu lange. Wir wollen deswegen einen Automatismus in den Tarifvertrag einbauen: Geht es einem Unternehmen gut, gibt es – als Beispiel – mehr Weihnachtsgeld. Geht es schlecht, gibt es weniger Weihnachtsgeld.

BZ: Woran soll das gemessen werden?
Wilcken: Darüber müssen wir in den Verhandlungen reden. Das kann beispielsweise eine bestimmte Höhe der Umsatzrendite sein.

BZ: "Die Arbeitskosten pro Stunde müssen sinken", hat Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf im BZ-Interview gesagt. Wie stellen Sie sich das vor?
Wilcken: Es gibt in den Tarifverträgen Bestandteile, die dort nichts mehr zu suchen haben. Da gibt es zum Beispiel eine zusätzliche 30-minütige Pause für Schichtarbeiter. Die stammt noch aus der Zeit der 40-Stunden-Woche. Seit 25 Jahren haben wir aber die 35-Stunden-Woche. Oder: Wer nach 12 Uhr anfängt mit der Arbeit und nach 19 Uhr aufhört, bekommt Spätzuschläge. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen eine Kostenentlastung und wir brauchen eine längere Laufzeit als zwölf Monate, um Planungssicherheit zu haben.

BZ: Herr Karademir, können Sie sich damit anfreunden?
Karademir: Was mich irritiert: In den vergangenen zehn Jahren gab es wirtschaftlich nur eine Richtung: nach oben. Die Firmen haben gute Geschäfte gemacht. Wir haben in den Tarifverhandlungen längst nicht so viel herausgeholt, wie wir hätten herausholen können. Jetzt ist die Situation schwierig – unbestritten. Aber es ist nicht so, dass sich auf einmal alle Betriebe in Schieflage befänden. In diesem Punkt ist das Gedächtnis der Arbeitgeberseite löchrig wie ein Schweizer Käse. Das finde ich nicht in Ordnung.
Stephan Wilcken

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht (63) ist seit 2009 Geschäftsführer der Bezirksgruppe Freiburg des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Der gebürtige Frankfurter Wilcken lebt seit über 40 Jahren in Freiburg und ist seit 33 Jahren für den Metall-Arbeitgeberverband tätig.
Ahmet Karademir

Der 51-Jährige ist seit 2009 erster Bevollmächtigter und Kassierer der IG Metall in Offenburg. In die IG Metall trat er 1986 ein. Seine Ausbildung hat der Maschinenschlosser (der Beruf heißt heute: Industriemechaniker) in Heilbronn bei der Firma Illig absolviert.

BZ: Wenn die Lage zwischen den Betrieben unterschiedlich ist, spricht das ja für Differenzierung.
Karademir: Die Regel wird im Tarifvertrag festgelegt, die Ausnahme wird verhandelt.

BZ: Die Frage ist ja, ob das in jedem Einzelfall neu verhandelt wird oder ob man Werte festlegt, die Verhandlungen automatisch auslösen.
Karademir: Da will ich gar nicht ja oder nein sagen. Vor 15 Jahren hatten kluge Köpfe auf beiden Seiten Ideen – heraus kam das Pforzheimer Abkommen. Das ist ein Meilenstein. Vielleicht gelingt wieder so etwas. Das kann ich nicht vorhersehen.

BZ: Wird es eine kurze oder eine lange Auseinandersetzung?
Wilcken: Ich bin zuversichtlich, dass wir bis Ostern (Ostersonntag ist am 4. April, d. Redaktion) eine Einigung haben.
Karademir: Das hoffe ich auch. Wenn wir es bis dahin nicht schaffen, wird es schwierig, ohne größere Blessuren eine Einigung hinzukriegen.

BZ: Was spricht für eine schnelle Einigung?
Wilcken: Schon beim ersten Treffen im Dezember ging es inhaltlich zur Sache. Wir haben unsere Forderungen präsentiert...
Karademir: ... wir ebenso. Wir können also am Montag, wenn die zweite Verhandlungsrunde stattfindet, direkt in die Details einsteigen.

Pforzheimer Abkommen: IG Metall und Arbeitgeberverband ermöglichen damit seit 2004 Abweichungen von Tarifverträgen, um Betriebe in einer Krise zu entlasten und Stellen zu sichern.