Vernehmlich leise Töne, die sich fortspinnen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Di, 10. Dezember 2019

Lörrach

Stimmen im Advent in der Lörracher Stadtkirche.

Bevor sie ganz am Ende noch einmal mit einem improvisierten Schlaflied auf die Bühne zurückkommen, hatte sich die Tür schon leise knarzend verschlossen. Aus den Tiefen seiner Kehle gezaubert hatte diesen Torschluss der Basler Stimmkünstler und Obertonsänger Christian Zehnder, der damit dem zweiten Abend der Reihe "Stimmen im Advent" in der Lörracher Stadtkirche zu einem mehr als gebührlichen Abschluss verhalf. Im Duo mit dem österreichischen Drehleierspieler Matthias Loibner gab Zehnder den musikalischen Rahmen, während der Basler Schauspieler Vincent Leittersdorf aus dem Werk von Robert Walser las.

"Es schneit, schneit, was vom Himmel herunter mag", so beschreibt der 1878 in Biel geborene Autor etwa in seiner Miniatur "Schneien" das wohl schweizerischste aller Wetterphänomene. "Das hört nicht auf, hat nicht Anfang und nicht Ende", fährt Walser fort und Leittersdorf folgt ihm. Alles deckt der Schnee zu, "ganze Staatswesen, Staatshaushaltungen", Ecken und Kanten macht er stumpf, Schmutz und Unrat ebenso unsichtbar wie Reklameplakate, "was da und dort vielleicht gar nicht schade ist", so Walser in der ihm ureigenen Sprache. Im Schnee ist der Dichter, der bekanntlich 27 Jahre seines Lebens in psychiatrischen Heilanstalten verbrachte und das Spazierengehen ebenso schätzte wie den alles verdeckenden Schnee, 1956 auch an einem Kreislaufversagen gestorben.

Leise Dramatik zum Klingen gebracht

Die 1917 veröffentlichte "Kleine Prosa" des Meisters liest sich zwar leichter als seine Romane. Sie sich vortragen zu lassen, zumal von einem wie Leittersdorf, hebt die Texte gleichwohl in eine andere Liga. Vernehmlich leise und mit klar gesetzten kleinen Pausen im Redefluss las das langjährige Ensemblemitglied am Theater Basel die Walser-Passagen. Die Lesart scheint unumgänglich für einen, der sich selbst beobachtend einmal wie folgt beschrieben hat: "Es ist etwas Geringfügiges um seine Gestalt".

Aus dieser Beschreibung ergibt sich auch seine mitunter als etwas schrullig wahrgenommene, vor allem aber sich immer selbst bis aufs Äußerste zurücknehmende Weltsicht. Mit ihr beschreibt er auch einen Besuch bei einem Gelehrten, der nach Walsers Empfinden auf diesen Gast offenbar keinen Wert legte, den Unsicheren damit aber in eine missliche Situation bringt: "Ich wagte weder zu gehen, noch zu bleiben".

Christian Zehnder und Matthias Loibner bringen Walsers fortwährend leise Dramatik wie wohl niemand sonst zum Klingen. Hier und da scheinen auch die Stimmen durch, die Walser gehört haben soll. Sie waren es wohl auch, die ihn einst in die Anstalt brachten, die der Dichter später nicht mehr verlassen wollte. Während Loibner sein seltenes Saiteninstrument, das anstelle eines Bogens von einem in Bewegung gebrachten Rad gestrichen wird, eingangs wortwörtlich anleiert, antwortet Zehnder darauf, indem er seine Stimme ihrerseits Ton für Ton hochschraubt. Da klingt Jodeln mit kommt aber auch eine Art äußerlich mit Fingern und Lippen gespielte Maultrommel ins Spiel, für die der Sänger kein eigenes Instrument benötigt.

Die Stimmen nie gesehener und gehörter Tiere kommen hier ins Spiel ebenso wie ein Rauschen und Stürmen, das schließlich in einem Windhauch endet. Zehnder und Loibner sind ein eingespieltes Team, bei dem einer die Töne des anderen aufnimmt und sie fortspinnt. Zu ihrer speziellen Form der Archaik gefunden haben beide über klassische Ausbildungen in anderen Disziplinen. Loibner unter anderem an Klavier und Posaune, Zehnder, der 1996 mit Balthasar Streiff das vielfach ausgezeichnete Duo "Stimmhorn" gegründet hatte, im klassischen Gesang in der Stimmlage Bariton.

Den 1961 geborenen Wahlbasler Zehnder verbindet eine langjährige Beziehung mit Lörrach. Auf der Burghofbühne habe er sogar schon gestanden, das erzählte die wie die wie immer für Dramaturgie und Realisation zuständige Marion Schmidt-Kumke am Rande des Konzerts, als das Lörracher Kulturhaus noch im Rohbau stand. Gut, dass er sich wieder einmal hat überzeugen lassen.