NS-Zeit im Wiesental

Im Kleinen Wiesental wählten fast 89 Prozent die NSDAP

Sarah Trinler

Von Sarah Trinler

Mo, 13. Mai 2019 um 11:33 Uhr

Kleines Wiesental

Der Lokalhistoriker Hansjörg Noe hat die NS-Vergangenheit des Kleinen Wiesentals unter die Lupe genommen.

Am kommenden Donnerstag wird das neue Buch von Hansjörg Noe "Mitgelaufen – NS-Geschichte in den Ortschaften im Kleinen Wiesental" offiziell vorgestellt. Der Heimathistoriker hat mit Unterstützung der Gemeinde und des Geschichtsvereins Markgräflerland interessante Aspekte zusammengetragen.

Hansjörg Noe, der bereits die NS-Geschichte von Steinen und Maulburg aufgearbeitet hat, ist durch Initiative Hans Viardots auf die tiefergehende NS-Geschichte des Kleinen Wiesentals gestoßen worden. Die Vergangenheit der Einheitsgemeinde sei insofern interessant, da die Bürger des Kleinen Wiesentals bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 mit 88,9 Prozent die NSDAP gewählt hatten. Das Ergebnis sei doppelt so hoch als im Amt Schopfheim oder reichsweit (43,9 Prozent), sagt Hansjörg Noe. Er begründet dies mit der bäuerlichen Struktur des Kleinen Wiesentals. Eine Arbeiterschaft habe es lediglich zu kleinen Teilen in Wieslet und Tegernau gegeben.

Der Pfarrer hatte eine regimekritische Rede gehalten

Als Quellen dienten Noe die Ortsarchive im Kleinen Wiesental. Diese seien allerdings rudimentär. "Immer dann, wenn’s spannend wird, fehlt ein Teil", sagt Noe. Dies habe er allerdings auch während seiner Recherchen in anderen Gemeinden erlebt. Als weitere Quellen dienten Zeitungsausgaben und Dokumente im Landesarchiv Freiburg, Generalarchiv und Landesarchiv Karlsruhe, in den Stadtarchiven Lörrach, Schopfheim und Weil am Rhein sowie im Bundesamt Potsdam. Doch am eindrücklichsten schildert Noe seine Gespräche mit Zeitzeugen, rund 20 an der Zahl. Nach anfänglichem Zögern und Sätzen wie "Do kann i nüd dezue sage", erzählten die Zeitzeugen dann doch aus ihren Erinnerungen. Ihnen widmet der Autor ein eigenes Kapitel.

In weiteren Kapiteln geht es etwa um die Inbesitznahme der Jugend, das Reichsarbeitsdienstlager in Wies, das ab Juli 1935 in Betrieb war, die Verfolgung von einzelnen Gruppen oder die Morde im Kleinen Wiesental. Interessant auch das Kapitel über den evangelischen Pfarrer Ludwig Simon aus Wies, der als widerständige Person galt und 1934 nach Wies zwangsversetzt wurde, nachdem er am Tage der Kanzlerwahl Adolf Hitlers in Gegenwart von Soldaten und Gefangenen eine äußerst kritische Predigt gehalten hatte.

Der Historiker will niemand an den Pranger stellen

Als Noe vor etwa zwei Jahren auf Bürgermeister Gerd Schönbett mit der Idee eines Buchs zukam, habe sich dieser "hochmotiviert und interessiert" gezeigt. Schönbett bestätigt, dass er auch ein persönliches Interesse an diesem Thema habe. "Diese Geschichte kann man nicht oft genug aufwärmen", so der Bürgermeister. Immer wieder zeige sich, dass man hierzulande eben nicht aus der Geschichte gelernt habe. Auch Noe schöpft seine Motivation daraus, dass in Zeiten von "rechtsradikalen Tendenzen" die Geschichte aufgearbeitet werden müsse, um die Menschen nachdenklich zu machen. Er möchte indes niemanden an den Pranger stellen, weshalb auch die Namen nicht-öffentlicher Personen im Buch nicht genannt sind. "Man darf ja nicht vergessen, dass es Nachfahren gibt."

Dass Noe mit seinen Nachforschungen nicht überall auf Gegenliebe stößt, ist ihm durchaus bewusst. Dennoch ließ er sich von seinem Ziel nicht abbringen. Auch nicht, als der Gemeinderat Kleines Wiesental entschied, das Buch nicht zu finanzieren. Immerhin wurde ein Drittel der Unkosten Noes von der Gemeinde übernommen, zwei Drittel vom Verein Krone und Kultur (KUK) Kleines Wiesental.

Doch nun musste noch ein Verlag gefunden werden: "Für uns war sofort klar, dass wir das übernehmen werden", sagt Hubert Bernnat, Vorsitzender des Geschichtsvereins Markgräflerland. Der Verein mit seinen 800 Mitgliedern ist dankbar um die Möglichkeit, in seiner Reihe "Das Markgräflerland" mit einem Sonderband ein Tabu-Thema aufgreifen zu können. Die Druckkosten wurden größtenteils vom Verein getragen, ein finanzieller Zustupf kam vom Landkreis.

Info: Offizielle Vorstellung des Buchs "Mitgelaufen – NS-Geschichte in den Ortschaften im Kleinen Wiesental" von Hansjörg Noe am Donnerstag, 16. Mai, 19 Uhr, im Sitzungssaal des Rathauses in Tegernau.