Einzelhandel

Klopapier-Flagshipstore: Emmendinger Modehaus nutzt Lücke in Corona-Auflagen

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Fr, 19. März 2021 um 12:16 Uhr

Emmendingen

Seit Freitagmorgen hat das Modehaus Blum-Jundt wieder geöffnet – ganz regelkonform. Man wolle die Vorschriften nutzen, nicht austricksen, sagen die Inhaber und hoffen auf Nachmacher.

"Was darf’s denn sein? Acht Rollen vierlagig bitte. Sehr gerne, vielleicht auch noch eine Handtasche dazu?" Solche Dialoge könnten künftig im Modehaus geführt werden, das im Erdgeschoss seit Freitag umgeräumt und wieder geöffnet ist. Neben der aktuellen Frühjahrsmode stapeln sich Klopapierrollen, teilweise liebevoll drapiert und dekoriert zwischen allerlei Modeaccessoires. In einem Nebenraum werden Nudeln, Schokolade und Schnaps angeboten, Kaffee und Desinfektionsmittel gibt es auch.

Unter großem Medienecho hat das Modehaus Blum-Jundt am Freitag wieder geöffnet – mit geändertem Sortiment als "Flagship-Store für Klopapier", auf reduzierter Fläche und unter strengen Auflagen. Inhaber Marcel Jundt nutzt eine entsprechende Regelung der Corona-Verordnung, um der seit Wochenbeginn wirksamen Notbremse zu entgehen und ein Zeichen zu setzen. "Der Handel muss wieder eine Rolle spielen und wenn es nur mit Klopapier ist", sagte er mit einem Augenzwinkern vor der Presse.

"Wir meinen es ernst, weil auch die Lage es ist." Marcel Jundt
Die Non-Food-Aktionsfläche ist auf 40 Prozent reduziert und damit den Auflagen der Gewerbeaufsicht Genüge getan. "Wir standen in engem Kontakt mit dem Rathaus", versicherte Marcel Jundt und lobt die Verwaltung. Die habe sich als Dienstleister erwiesen und den "Good-will-Weg" aufgezeigt. Bis Mittwoch müssen die Kundenzahlen und Umsätze registriert und der Behörde vorgelegt werden, um Nachhaltigkeit und Ernsthaftigkeit zu protokollieren. Es laufe alles regelkonform, heißt es auf Anfrage der BZ aus dem Rathaus.

"Wir wollen die Vorschriften kreativ nutzen, nicht tricksen", sagt Marcel Jundt. "Wir meinen es ernst, weil auch die Lage ernst ist." Nach einem Jahr Pandemie und der Schließungsverfügung des Landkreises sei der Einzelhandel am Ende. Die Mitarbeiter seien seit einem halben Jahr in Kurzarbeit, versprochene Überbrückungshilfen kämen nicht an und Selbstständige müssten zehn Prozent der Kosten ohnehin selbst tragen und könnten sich als Inhaber nicht mal ein Gehalt ausbezahlen, schilderte der Emmendinger Modehändler seine Situation.

Es brauche neue Wege und Konzepte

"Es ist unser Weg, zu überleben", drückt sich Annette Jundt aus, die durch den erneuten Shutdown auch die Innenstadt – "das Gesicht von Emmendingen" – gefährdet sieht. Die Stadt brauche Bewegung und Leben. Der Schritt "ins Leben zurück" müsse endlich wieder gewagt, andere Konzepte gefunden werden, die vom reinen Blick auf die Inzidenzwerte entkoppelt seien. Sie sieht auch in der Öffnung der Läden kein Risiko, wenn die Schutzmaßnahmen eingehalten würden. Mit 45 Mitarbeitern habe es im ganzen Haus bislang keinen einzigen Corona-Fall gegeben: "Wir sind nicht der Pandemietreiber". Jundt und seine Frau ärgert es, dass die kleinen, inhabergeführten Geschäfte anders behandelt würden als Baumärkte oder Discounter. So sei es ihnen nicht erlaubt gewesen, die Wiedereröffnung zu bewerben "um Menschenansammlungen zu vermeiden", wie es geheißen habe. Gleichzeitig tummelten sich bei Aldi & Co die Menschen an den Wühltischen und Aktionsflächen – ohne Abstand oder Infektionsschutz.

Viel Beifall in den Sozialen Medien

Für ihre medienwirksame Aktion haben die Jundts viel Beifall bekommen. In den sozialen Medien gab es viele Likes und Kommentare. Auch die anwesende Vorsitzende des Gewerbevereins, Gabriele Beckmann nannte das Projekt ein "ganz tolles Zeichen, um auf die Lage aufmerksam zu machen".

Dies sei keinesfalls eine "Anarchoaktion", sondern ein Hilferuf. Je länger die Schließung dauere, desto schlimmer würden die Folgen für den Handel. Sie hofft auf viele Nachahmereffekte und ein Umdenken in der Politik.