Vortrag

Hans Joachim Schellnhuber trifft beim Tag des Handwerks den Nerv der Zeit

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Mi, 05. Juni 2019 um 18:00 Uhr

Lörrach

Hans Joachim Schellnhuber, Referent beim Tag des Handwerks in Lörrach, setzt für mehr Klimaschutz auf das Trio Wissenschaft, Jugend und Kirche. Noch lasse sich der Untergang verhindern.

Mit dem Referenten des diesjährigen Tags des Handwerks im Lörracher Burghof stattfand, traf die Kreishandwerkerschaft den Nerv der Zeit. Hans Joachim Schellnhuber berichtete wissenschaftlich fundiert über die Auswirkungen des von Menschen gemachten Klimawandels, der die Existenz der Menschheit bedroht. Er zeigte aber auch Lösungen auf.
"Das Handwerk ist die Wirtschaftsmacht", sagte Martin Ranz, neuer Kreishandwerksmeister, der die Veranstaltung erstmals eröffnete. Mit mehr als 100 Milliarden Euro Umsatz im Jahr und 792 700 Beschäftigten entspricht das Handwerk einem internationalen Großunternehmen. Ranz kritisierte, dass mehr als 50 Berufe in die zulassungsfreien Handwerke aufgenommen wurden. Gerade der Meisterbrief schaffe die Grundlage für gesunde und wettbewerbsfähige Strukturen vor dem Hintergrund immer neuer Herausforderungen, betonte er. Langsam komme auch der Klimaschutz im Alltag an, leitete er zum Vortrag über. "Es wäre schön, wenn wir versuchen würden, das umzusetzen, was andere nur predigen", sagte Martin Ranz unter Beifall.

Früher gab es bei 27 Grad hitzefrei

"In Potsdam waren gestern 36 Grad, was ungewöhnlich ist für Anfang Juni. In meiner Schulzeit bekamen wir ab 27 Grad hitzefrei", eröffnete Hans Joachim Schellnhuber seinen Vortrag. Der Physik-Professor war Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, ist Berater der Bundeskanzlerin und Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Aus der Physik und von der Theorie komplexer Systeme kommend hat er vor 30 Jahren mit der Klimaforschung angefangen. "Lange Zeit sah es so aus, als ob unsere Warnung in den Wind geschrieben wären, obwohl wir auf die Auswertung von Naturgesetzen mit stabilen mathematischen Methoden setzen können", sagte er. "Jetzt sagen uns die 16-Jährigen, was auf dem Spiel steht, dass nämlich der Klimaschutz eine große Rolle spielen muss, oder die moderne Zivilisation wird untergehen", sagte Schellnhuber. Seit dem Ende der Eiszeit vor 11 000 Jahren blieb die globale Mitteltemperatur relativ stabil, was die Voraussetzung war für Ackerbau und Viehzucht. Seit dem Beginn des Industriezeitalters steigt sie stark an, die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre, die über Millionen Jahre konstant blieb, geht explosionsartig nach oben. "Das sind keine natürlichen Schwankungen, wie einige verwirrte Geister versuchen den Menschen einzureden", sagte Schellnhuber.

Schellnhuber verglich das Klimasystem mit dem menschlichen Körper, der durch ein Zusammenspiel vieler Faktoren auf 37 Grad Wärme gehalten wird. Bei zwei Grad mehr ist man ernsthaft krank. Eine Klimaerwärmung von 1,6 Grad würde das Grönland-Eis komplett schmelzen, der Meeresspiegel um sieben Meters steigen lassen und den Golfstrom, der für das milde Klima in Europa verantwortlich ist, zum Erliegen bringen. Den Hitzesommer 2018 erklärte Schellnhuber mit einem 200 bis 300 Kilometer schnellen Jetstream, der die Erde in Wellen umkreist und der durch zu große Temperaturunterschiede an den Kontinentalrändern gestoppt wurde. Die Folge: In einigen Gegenden gab es dauerhafte Hitze, in anderen dauerhaften Regen.

Emissionen halbieren und aufforsten

Wenn wir so weiter wirtschaften wie bisher, steige die globale Temperatur bis ins Jahr 2500 um acht Grad. Dann schmilzt das ganze Polareis, der Meeresspiegel steigt um 70 Meter, weite Teile der Welt gehen unter. Länder in Äquatornähe werden überhaupt nicht mehr bewohnbar sein. "Diese Fluchtursachen müssen wir bekämpfen – um jeden Preis", sagte der Referent.

Es ist aber noch möglich, das zu verhindern. "Die Emissionen müssen jedes Jahr halbiert werden; der Verbrennungsmotor muss bis 2030 komplett verschwinden", sagte Schellnhuber. Für die Energiegewinnung sieht er das größte Potenzial bei Solarzellen.

Gleichzeitig müsse man das Trockenlegen tropischer Feuchtgebiete und das Abholzen von Regenwäldern stoppen und Aufforstung betreiben, weil Pflanzen das CO2 aus der Atmosphäre ziehen. Die industrielle Landwirtschaft nannte er eine Perversion, zum Bauen empfahl er Holz statt Beton und Stahl, was zudem eine aufwendige Dämmung überflüssig mache. Er lobte Fridays for Future, denn: "Wir können nicht einer 15-Jährigen ins Gesicht sagen, es ist mit egal, ob du eine Zukunft hast", sagte Schellnhuber. Selbst die Katholische Kirche, die "konservativste Institution der Welt", habe das erkannt. Aus dem Dreieck Jugend, Kirche und Wissenschaft heraus erhofft er sich grundlegende Veränderungen.