Künstliche Intelligenz

Kretschmann: Recht an eigenen Gesundheitsdaten gibt es nur mit digitaler Unabhängigkeit

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Fr, 06. Dezember 2019 um 21:28 Uhr

Südwest

Der Ministerpräsident hält eine europäische Cloud mit Datenstrategie für grundlegend, um mit Künstlicher Intelligenz in der Medizin verantwortlich umzugehen.

Erst danach kämen die inhaltlichen und ethischen Fragen. Das sagte Winfried Kretschmann (Grüne) am Freitag bei einer öffentlichen Tagung zum Thema.



"Individuelle Freiheit wird mehr und mehr zu einer Frage des Rechts an den eigenen Daten", erklärte Kretschmann bei der Veranstaltung von Evangelischer Akademie Bad Boll und der Techniker Krankenkasse. "Dabei ist entscheidend, wo unsere Daten liegen, wo sie verarbeitet werden, wo sie reguliert und wo sie kontrolliert werden." Angesichts der globalen Machtverhältnisse könne der Kontinent nur gemeinsam digital souverän werden. "Wenn wir hier keinen europäischen Weg gehen, dann ist es mit unserer Freiheit irgendwann vorbei."

Fachreferenten und Politiker beschrieben im Stuttgarter Hospitalhof Ansätze in China und den USA als einerseits zu autoritär, andererseits als zu gewinnorientiert. Das europäische Medizinverständnis sei vom christlich-jüdischen Menschenbild geprägt, sagte der Bayreuther Theologe Eckhard Nagel. Entziehen, darin waren sich alle einig, könne man sich der Entwicklung aber nicht: "Wer nicht mitkocht, der steht am Schluss auf der Speisekarte", verkündete Kretschmann.

Einerseits geht es darum, künftige Standards mitzubestimmen. "Datenschutz ist genau das, was wir in Europa können", sagte TK-Vorstandschef Jens Baas, dem die Datenschutzgrundverordnung zu schlecht geredet wird: "Das ist eigentlich eine Chance, auf der wir aufbauen sollten."

Andererseits verspricht die automatisierte Auswertung großer Informationsmengen enorme Fortschritte. Im Jahr 2020 werde sich das Wissen der Menschheit alle 73 Tage verdoppeln, erklärte Baas; da könne kein Mediziner den Stand mehr im Kopf haben. "Ich glaube, dass es in absehbarer Zeit illegal sein wird für einen Arzt, eine Diagnose zu machen ohne ein Expertensystem hinzuzuziehen." Die Verantwortung müsse natürlich beim Arzt bleiben.

Da alle Podiumsteilnehmer darauf beharrten, letzte Entscheidungen Menschen zu überlassen, blitzte die Frage nur am Rand auf, was eigentlich geschieht, wenn Technik aus anderen Erdteilen solche Grenzen überschreitet: Gilt dann nicht mehr, dass mitkochen muss, wer nicht auf der Speisekarte landen will?

Zunächst drängte die Frage, mit welchen Inhalten europäische KI arbeiten soll. "Es ist schon, finde ich, ein starkes Stück, dass der KI-Strategie der Bundesregierung die entscheidende Komponente einer Datenstrategie fehlt", schimpfte Kretschmann. "Ohne Daten bleibt die KI halt dumm!"

Die Bundestagsmitglieder Mario Brandenburg (FDP), Anna Christmann (Grüne), Karin Maag (CDU) und ihr baden-württembergischer Landtagskollege Rainer Hinderer (SPD) waren sich einig, dass Patienten zwar Entscheidungsgewalt über ihre Daten haben müssten. Die Gesellschaft habe aber ein Recht darauf, dass sie anonymisiert der Forschung zugehen. Differenzen gab es dazu, wie gründlich das in der Öffentlichkeit noch diskutiert werden muss. Das europäische Infrastrukturprojekt "GAIA-X" von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wurde nur oberflächlich behandelt.

Ihren Smartphones vertrauen viele Menschen bedenkenlos persönliche Daten an. Die rund 150 Besucher konnten sie auch zu Live-Abstimmungen benutzen: Für 70 Prozent überwogen am Ende die Chancen von KI in der Medizin, 30 Prozent sorgten sich eher um Risiken.