Vor der Grünen Woche in Berlin

Landwirtschaft im Zeichen der Klimadebatte

Wolfgang Mulke

Von Wolfgang Mulke

Mi, 15. Januar 2020 um 18:43 Uhr

Wirtschaft

Auf der traditionellen Grünen Woche präsentieren die Anbieter jede Menge neue Ernährungstrends. Der Streit um die Zukunft der Landwirtschaft geht derweil weiter.

Die Grüne Woche setzt schon im Vorfeld Rekordmarken: Mehr als 1800 Aussteller aus 72 Ländern haben sich zu der weltgrößten Leistungsschau der Ernährungsbranche angemeldet – so viele wie noch nie in deren 94-jähriger Geschichte.

Am Freitag werden wieder Traktoren durch das Berliner Zentrum rollen, am Samstag werden Gegner der konventionellen Landwirtschaft die Straßen blockieren und am Sonntag kommen Politiker wie Russlands Präsident Wladimir Putin oder sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan zur Libyen-Konferenz a in die Hauptstadt. Dann wird das Regierungsviertel zur Festung. Ein paar Kilometer weiter auf dem Messegelände werden die Besucher der Grünen Woche davon wenig mitbekommen. Rund 400 000 Gäste erwarten die Veranstalter.

Auch politisch steht die Messe, die am Freitag beginnt, hoch im Kurs. Allein 70 Landwirtschaftsminister aus aller Welt reisen nach Berlin, um über Ernährungsfragen zu diskutieren. Für die meisten Besucher ist die Messe eher ein Verbrauchervergnügen. Lebensmittelhersteller bieten ihre Neuheiten zum Probieren an und werben um Vertrauen in ihre Industrie. Da gibt es das erste Proteinpulver aus Insekten oder Frühstücksflocken aus vor dem Wegwerfen geretteten Bananen, ein aus aussortiertem Brot gebrautes Bier oder alkoholfreien Spitzenwein. Unternehmen wie McDonald’s oder Danone präsentieren nachhaltige Verpackungen, Nestlé eine neue, vegetarische "Vurst". Nachhaltigkeit ist ein Oberbegriff der diesjährigen Schau. "Noch nie stand die Grüne Woche so stark im Zeichen der Klimadebatte", sagt Messe-Chef Christian Göke. Auch die Bewegung Fridays for Future hat einen Infostand angemeldet.

Vom Insekten-Proteinpulver bis zur vegetarischen Wurst

Die Hersteller wollen sich nach eigenen Angaben den Verbraucherwünschen nach einer nachhaltigen Produktion anpassen. "Diesen Weg werden sie konsequent weitergehen", versichert Christoph Minhoff, Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BDE). Die Geschäftsentwicklung bestätigt den Kurs zumindest den Zahlen nach. 2019 stiegen die Umsätze der Ernährungsindustrie um gut zwei Prozent auf 183 Milliarden Euro.

Doch hinter den Kulissen wird hart um die Zukunft der Landwirtschaft gerungen. Das werden nicht nur die beiden Protestzüge am Freitag und Samstag zeigen. Viele Landwirte sind sauer, weil sie sich von der Politik im Stich gelassen und mit neuen Umweltauflagen überfordert fühlen. Bauernpräsident Joachim Rukwied fordert Klarheit von der Politik, etwa beim Tierwohl oder der künftigen Agrarförderung. "Wir brauchen mehr Planungssicherheit", sagt er und verlangt eine Beibehaltung der EU-Subventionen auf dem bisherigen Niveau.

Wenige Meter von Rukwied entfernt melden sich Ökobauern zu Wort. Auch sie verlangen klare Rahmenbedingungen durch die Politik – allerdings mit einem anderen Ziel. Deutschland und die EU müssten "den Umbau der Landwirtschaft angehen", fordert Alexander Gerber vom Vorstand des Bunds Ökologische Landwirtschaft (BÖLW). Statt Zuschüsse nach Betriebsfläche zu gewähren, solle die EU die Leistungen der Betriebe bei Umwelt-, Klima- und Tierschutz honorieren. Zwischen beiden Positionen liegen Welten.

Konventionelle und Öko-Landwirte eint, dass es beiden wirtschaftlich nicht gut geht. Den Grundsatzstreit um die Zukunft der Branche würde Bundesagrarministerin Julia Klöckner gerne beilegen, etwa durch Gespräche während der Grünen Woche. Die Erfolgsaussichten dafür erscheinen angesichts der aufgeheizten Stimmung mäßig.