LESETIPP: Liebesbrief an das Leben

Tamara Keller,

Von Tamara Keller &

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Vor kurzem, bei einem Besuch in Berlin, sah ich, wie eine Frau an der Spree ein Geschenk auspackte: Es war dieses Buch. Das perfekte Geschenk – denn ich habe es selbst zum Geburtstag geschenkt bekommen. "Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong ist mindestens so großartig, wie es der poetische Titel verspricht. Der Protagonist schreibt einen langen Brief – an seine Mutter, die die englische Sprache nicht beherrscht und somit den Brief nicht lesen kann. Mit seinem Debütroman beweist Vuong, der bereits mit seinem Lyrikband die Aufmerksamkeit auf sich zog, wie mächtig und bildhaft Sprache sein kann. Leicht und fein setzt er sie ein und verleiht dem Roman damit seine ganz eigene Nuance. Und das obwohl die Geschichte, die er erzählt, mit viel Gewalt verbunden ist: Denn es geht um Traumata, um die Folgen des Vietnamkriegs, unter denen der Protagonist, seine Mutter und seine Großmutter bis heute leiden. Durch eindrückliche Erzählungen aus einer Vergangenheit in Vietnam und einer Gegenwart in den USA stellt sich die Frage: Können Traumata weiter vererbt werden? Bilder voller Schmerz mischen sich mit den Erzählungen über Identität, Selbstfindung, Queerness und die erste große Liebe.

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Roman. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Carl Hanser Verlag, München 2019. 240 Seiten. 22 Euro.