Kritik am Teil-Lockdown

Museumschefs der regionalen Museen wollen wieder öffnen

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 01. Dezember 2020 um 17:53 Uhr

Kunst

"Sehr sichere Orte": Die Leiter der regionalen Museen sehen sich als Freizeiteinrichtungen falsch eingeordnet und verweisen auf ihren Bildungsauftrag. Demnach könnten sie wieder öffnen.

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", heißt es in der Bibel. Das Lebenselixier Kultur aber gerät in der Pandemie mit dem verlängerten Teil-Lockdown zunehmend in Not – Museen zum Beispiel. "Ausstellungshäuser durchleben schwierige Zeiten", kommentiert Jan Merk, Landesvorsitzender des Museumsverbands und Leiter des Markgräflermuseums Müllheim, die Lage auf Anfrage. Als "Katastrophe" bewertet sie der Leitende Direktor der Freiburger Museen Tilmann von Stockhausen. Die spektakuläre Schau "Der Schatz der Mönche – Leben und Forschen im Kloster St. Blasien" im Augustinermuseum etwa könne derzeit niemand sehen. Das sei "traurig und bitter".

Schwierig und bitter ist es für alle – vom ehrenamtlichen geführten, als Verein organisierten kleinen Haus über kommunal getragene bis zu Landes-, Stiftungs- und privaten Museen. Vor allem letztere aber stehen unter Druck – obwohl sie in der regionalen Museumslandschaft eine wichtige Größe und als Vertreter der globalen Liga kaum wegzudenken sind – wie das Weiler Vitra Design Museum oder das Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Die Geschäftsmodelle dieser privaten Museen seien durch den verlängerten Teil-Lockdown ins Wanken geraten. "Wir haben akute Gefährdungslagen", deutet Merk an, ohne konkret zu werden. Auch der Präsident des Bundesverbands der Museen und Leiter des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe, Eckart Köhne, warnt vor drohenden Schließungen.

Der Kunstlandschaft drohen Schäden – trotz Förderung

Kommunal oder staatlich finanzierte Häuser wie die fünf Freiburger Museen, das Lörracher Dreiländermuseum oder das Landesmuseum Karlsruhe sitzen zwar auch auf laufenden Kosten für aufgebaute, aber geschlossene Ausstellungen. Sie sind durch die institutionelle Förderung aber nicht akut gefährdet. Doch auch hier drohen Kollateralschäden. Freischaffende Kunstvermittler, Dozenten, Ausstellungsdesigner oder Künstler der Rahmenprogramme, materiell oft ohnehin prekär aufgestellt, bekommen schlicht keine Aufträge mehr. "Das ist für viele Freiberufler existenzbedrohend", weiß Merk. Da drohe ein Kahlschlag.

Mit Bedauern registriert der Verband, dass nicht anerkannt wird, dass Museen mit ihren Hygienekonzepten zu den "sehr sicheren Orten gehöre", befinden Merk wie von Stockhausen. Das aber werde nicht gesehen, stattdessen würden Museen "überproportional belastet", kritisierten Merk und sein Verband in einer Stellungnahme bereits im November. Daran hat sich für Merk nichts geändert. Dabei brauche es gerade in der Pandemie Orte für Austausch und kulturelle Anregungen. Der Beitrag der Museen für die Gesellschaft werde "nicht angemessen berücksichtigt".

Museumsleiter fühlen sich von der Politik übergangen

Bei allem Verständnis für die Bemühungen, die Pandemie einzudämmen, kritisiert auch Mateo Kries als Chef eines privaten Museums die Schließung. "Wenn Ladengeschäfte mit weitaus größerer Menschendichte offen bleiben und Museen schließen müssen, zeigt das, dass die Bedeutung von Kultur in der Politik zu wenig gesehen wird", befindet der Leiter des Vitra Design Museums, das für März die nächste große Ausstellung plant. "Der Kultur wird ihre Relevanz abgesprochen", monierte auch Gregor Jansen als Leiter der Kunsthalle Düsseldorf im Handelsblatt und ist nur eine weitere Stimme im vielstimmigen Chor der Irritierten.

Ein Grund dieser Sehschwäche ist – auch im Vergleich zu Schweizer Kantonen wie Basel und Baselland, die Ausstellungshäuser trotz höherer Infektionsraten geöffnet lassen – die Kategorisierung der Museen als Freizeiteinrichtungen hierzulande. Damit spielen sie in der gleichen Liga wie Spielhallen, Spaßbäder oder Bordelle. "Wir sind auch Freizeiteinrichtungen, aber viel mehr Orte der Kultur und Bildung", betont Merk die Sicht des Museumsverbands. Bei allem Verständnis für die Situation gehörten "die Dinge richtig eingeordnet". Auch Tilmann von Stockhausen weist darauf hin, dass es in Museen um mehr gehe "als Unterhaltungswert". Sie könnten Perspektiven erweitern, und solche Denkanstöße würden mehr denn je gebraucht.

Die Basler Kantone zum Beispiel stufen Museen als Kultur- und Bildungsorte ein und halten sie offen. Jan Merk, der Müllheimer Museumsleiter, ist indes zuversichtlich, hierzulande eine ähnliche Haltung erreichen zu können. Er habe den Eindruck, dass die Botschaft bei den politisch Verantwortlichen in den Stuttgarter Ministerien angekommen sei – zumal die trotz Teil-Lockdown bisher nur leicht sinkenden Infektionszahlen ein Indiz dafür sind, dass die Orte, die geschlossen sind, nicht die Infektionstreiber waren. Sein Verband plädiere daher "für eine Politik der Differenzierung". Auch Markus Moehring, Chef des Lörracher Dreiländermuseums, tritt dafür ein, "genau hinzuschauen". Merk zumindest hält es für realistisch, dass Museen dann eine Vorreiterrolle für der Wiedereröffnung des Kulturbetriebs einnehmen und andere mitziehen könnten.

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