Erschöpft im Ringen mit den konservativen Mitbrüdern

Gerhard Kiefer

Von Gerhard Kiefer

Mi, 12. Februar 2020

Deutschland

IM PROFIL: Der Rückzug von Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat viele überrascht.

Wie die sogenannten Volksparteien wechselt nun auch die Deutsche Bischofskonferenz ihr Spitzenpersonal unverhofft aus. Und wie bei der CDU am Montag löste am Dienstag der Verzicht ihres Vorsitzenden Reinhard Marx auf seine Wiederwahl nun auch unter den Bischöfen zwischen Freiburg und Berlin eine Schockwelle aus. Denn physisch überfordert scheint der mit 66 Jahren vergleichsweise "junge" Erzbischof von München und Freising nicht. Und da der auch im Vatikan vielfach engagierte und als Papst-Vertrauter geltende Kardinal alle übrigen Ämter und Funktionen behält, stellt sich die Frage, weshalb Marx nun nicht mehr der Vorsitzende einer der wichtigsten Bischofskonferenzen der Welt sein will. Fällt einem als Grund für diesen absolut unvorhersehbaren Rückzug da nicht die Spitze des Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff ein, unter den Bischöfen bedeute der Begriff Mitbruder dasselbe wie in der Politik der Begriff Parteifreund?

Reinhard Marx ist offenbar zu erschöpft vom Ringen mit konservativ verharrenden Mitbrüdern, um seiner Kirche einen Weg in die Zukunft zu bahnen. Vom Kampf um mehr Einsicht, wie viel Glaubwürdigkeit der Missbrauchsskandal seine Kirche gekostet hat und frustriert darüber, wie überfällig nun der Versuch ist, die Opfer endlich auch mit Geld zu entschädigen. Erschöpft wohl auch vom Versuch, nach dem Skandal-Bischof von Limburg seine Kollegen wenigstens zu einem Ansatz finanzieller Transparenz in den 27 deutschen Bistümern zu bewegen.

Erschöpft haben mag es ihn auch, seine Mitbrüder vor allem in Bayern von der Notwendigkeit eines Reformprozesses, des sogenannten "Synodalen Prozesses" zu überzeugen und für diesen sogar die im Zentralkomitee der deutschen Katholiken organisierten Laien mit ins Boot zu nehmen. Dass sich ausgerechnet sein Kölner Kardinalskollege Rainer Maria Woelki zunehmend als Rivale produziert und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer schon am Beginn des "Synodalen Weges" provokativ mit Ausstieg droht, dürfte Marx zusätzlich demotiviert haben. Für die Rolle des "wandelnden Vermittlungsausschusses", in die die deutsche Bischofskonferenz ihre Vorsitzenden traditionell zwingt, reichen Reinhard Marx die Erfahrungen seiner ersten sechs Jahre offenbar völlig aus.

Für viele aufgeschlossene Katholiken, die im "Synodalen Weg" die vielleicht letzte Chance für ihre Kirche sehen, bleibt der lebensfrohe Westfale dank seiner Bedeutung in der katholischen Weltkirche auch künftig ein Hoffnungsträger. Der promovierte Theologe und Professor für Christliche Gesellschaftslehre wurde 1996 zum Weihbischof von Paderborn und 2001 zum Bischof von Trier ernannt. Im November 2007 berief ihn Papst Benedikt XVI. zum Nachfolger von Kardinal Friedrich Wetter an die Spitze des Erzbistums von München und Freising, womit Marx auch zum Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz aufstieg. Doch nur ein Vierteljahr danach unterbrach eine empfindliche Wahlniederlage seine Karriere: Marx scheiterte am 12. Februar 2008 mit seinem Versuch, Nachfolger von Kardinal Karl Lehmann zu werden, der die Deutsche Bischofskonferenz 22 Jahre lang geführt hatte. Die Bischöfe wählten nicht ihn, sondern den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch an ihre Spitze. Lehmann hatte, wie man erfuhr, dem Papst zwar empfohlen, Marx von Trier nach München zu befördern, sorgte aber auch dafür, dass in der fast 150-jährigen Geschichte der Bischofskonferenz zum ersten Mal der Erzbischof seiner Heimat-Erzdiözese Freiburg zum Zuge kam. Nicht nur zum Trost gab es im November 2010 für Marx den Kardinalspurpur.

Wen wird die Frühjahrsvollversammlung der 69 Bischöfe Anfang März in Mainz zum Nachfolger wählen? Wer der katholischen Kirche wünscht, sich endlich den Fragen zu stellen, um die sich das Zweite Vatikanische Konzil herumgedrückt hat, und darauf hofft, dass der von Marx erkämpfte "Synodale Weg" dafür aus Deutschland ein Signal senden wird, muss (aber kann auch) hoffen, dass kein signifikant Konservativer Marx beerben wird. Vielleicht käme Felix Genn in Frage, der Bischof von Münster. Er bejubelt den "Synodalen Weg" zwar nicht, aber er sieht in ihm wenigstens eine hoffnungsvolle Chance.