Baden-Württemberg

Das Erbe der Kelten soll zum Aushängeschild des Landes werden

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

So, 12. Juli 2020 um 10:07 Uhr

Deutschland

BZ-Plus Baden-Württemberg gilt als Stammland der Kelten, nun soll ihr Erbe zum Aushängeschild werden. Dabei entwickeln Forscher Theorien von bisher ungeahnter Dimension.

Leif Hansen setzt seine Bergschuhe vorsichtig, Jurakalk-Bruchstücke rutschen über den steilen Buchenwaldhang. "Das ist eine gewaltige Geschichte hier", sagt der 45-Jährige. "Die Dimension ist Wahnsinn!" Der Archäologe, silberner Ohrstecker, dunkler Vollbart, ist ein bedächtiger Typ; auch sein ergrauter Kollege neigt nicht zu exaltierten Ausbrüchen. "Das Ganze muss man sich natürlich ohne Bäume vorstellen", erklärt Roberto Tarpini (55). "Auch die Mauern sind total überdimensioniert!"

Ohne Bäume: Das ist nicht ganz einfach, denn außer Wald gibt es auf Anhieb wenig zu sehen auf der Bergzunge "Alte Burg" bei Langenenslingen im Kreis Biberach. Kilometerweit existiert keine größere Stadt; abgesehen vom Motorgeräusch eines einsamen Flugzeugs ist hier oben kaum Zivilisation zu bemerken.

Kein besonderer Ort eigentlich, wären da nicht ein paar merkwürdige Wellen im Boden und die eigenartige Terrassierung, die man auf Luftbildaufnahmen erkennt. Frühere Archäologen, wenn sie sich überhaupt interessierten, hielten den abgelegenen Sporn für Reste einer mittelalterlichen Burg. Erst ein 2014 vom Landesdenkmalamt begonnenes Forschungsprojekt entdeckte das wahre Alter des schlummernden Plateaus – und die monumentalen Ausmaße seiner Konstruktion.

Haben die Forscher einen riesigen Zirkus der Kelten gefunden?
Die Wissenschaftler sind inzwischen sicher, dass die 340 Meter lange, knapp 60 Meter breite Plattform dem Fels im achten bis sechsten Jahrhundert vor Christus von frühen Kelten abgetrotzt wurde, mit gewaltigem Aufwand. Flankiert wurde sie von zwei tiefer gelegenen, fünf bis acht Meter breiten Terrassen. Hunderte von senkrecht in den Berg getriebenen Stützmauern sicherten das Konstrukt. "Ursprünglich dachten wir, das sei eine Siedlung", berichtet Hansen.

Nur: Das Wasser fehlt; die Forscher fanden weder Hausgrundrisse noch Feuerstellen. Ein Schacht mit Menschenknochen brachte sie auf den Gedanken einer Kult- und Versammlungsstätte. "Aber so etwas Bauliches, das kennen wir bisher überhaupt nicht, zumindest nördlich der Alpen", sagt Hansen. "Das macht man ja nicht zum Spaß!"
Wer waren die Kelten?
"Kelten" ist ein Sammelbegriff für Volksgruppen der Eisenzeit, die zwischen 800 vor Christus und der Zeitenwende nördlich der Alpen lebten. Die Griechen und Römer nannten sie Keltoi und Galli, von den ...

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