"Hier ist ein Hotspot der Hospizbewegung"

ske

Von ske

Do, 01. August 2019

Offenburg

BZ-INTERVIEW: Prof. Reimer Gronemeyer, Soziologe und Demenzforscher, über seine Begegnungen mit der Ortenau.

OFFENBURG. Prof. Reimer Gronemeyer ist einer der führenden Soziologen und Demenzforscher Deutschlands und der Ortenau eng verbunden. Er war mehrmals im Haus Maria Frieden zu Besuch, das zum Vinzentiushaus Offenburg gehört, und er hat auch den Festvortrag zum 25. Jubiläum des Hospizes gehalten. Mit Gronemeyer, der vor kurzem 80 Jahre alt wurde und nach wie vor auch zahlreiche Projekte in Afrika betreut, sprach Susanne Kerkovius.

BZ: Herr Professor Gronemeyer, Sie legen in all Ihren Büchern und Schriften den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Umweltzerstörung, Neoliberalisierung der Wissenschaft, Ausbeutung der materiellen und geistigen Ressourcen, Konkurrenzkampf, seelische Verarmung der Kinder und Jugendlichen. Die Festschrift zu einem Symposium in Gießen zu ihrem Geburtstag war mit "Hoffnung" überschrieben. Woraus schöpfen Sie Ihre Hoffnung?
Gronemeyer: Paulus, der Apostel, hat den schönen Satz geschrieben:"Wie könnt ihr hoffen auf das, was ihr seht?" Wenn ich in die Welt schaue, auf das Artensterben, den Klimawandel, dann muss ich skeptisch sein. Was mir Hoffnung macht, kommt nicht von den politischen Eliten, sondern von Menschen wie Greta Thunberg und Kapitänin Rackete, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer fischt.
BZ: Die Hospizbewegung ist seit vielen Jahrzehnten ein Feld, mit dem Sie sich befassen, wahrnehmend, beobachtend, Impulse gebend. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Gronemeyer: Ich glaube, dass das, was sich in Hospizen ereignet, viel über unsere Gesellschaft aussagt: Wie kalt, wie wärmend sind wir – das zeigt sich gegenüber denen, die schwach sind. So human, wie wir mit Sterbenden umgehen, so menschlich werden wir mit den Schwachen in der Leistungsgesellschaft verfahren.
BZ: Welche Erinnerungen, Begegnungen, Eindrücke verbinden Sie mit der Hospizbewegung in der Ortenau?
Gronemeyer: Ich habe die Begegnungen in guter Erinnerung. Ob es das "Haus Maria Frieden" war, die Gespräche mit Hospizgruppen oder die Süddeutschen Hospiztage. Ich habe den Eindruck gehabt, dass hier besonders viel Einfühlungsvermögen zur Tagesordnung gehört. Das ist schön. Heute würde man sagen: Hier ist ein Hotspot der Hospizbewegung.

BZ: Sie sind ein Teamplayer, der sich von anderen Menschen und Kulturen inspirieren lässt, das sieht man auch an der Vielfalt Ihrer Forschungsprojekte. Was treibt Sie an?
Gronemeyer: Ich interessiere mich nicht so sehr für die Imperative der Leistungsgesellschaft, sondern mehr für ihre Opfer – die Menschen mit Demenz, die, die der rasenden Moderne nicht gewachsen sind, für die Kinder mit Mangelernährung in Malawi, die den Klimawandel ausbaden müssen.
BZ: Auch das Thema "Alter" war Ihnen immer wichtig. Sind selbst sind jetzt 80. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Gronemeyer: Natürlich bin ich alt, ja. Ich bin auch ein wenig misstrauisch gegenüber dem Satz: "Man ist so alt, wie man sich fühlt". Ich bin mit guter Gesundheit beschenkt und dafür dankbar. Ich weiß aber, dass sich das Bild schnell ändern kann. Man ist insofern in meinem Alter ein Seiltänzer. Mutig muss ich sein, aufmerksam. Aber ich kann jederzeit fallen.

Zur Person: Prof. Reimer Gronemeyer, 1939 in Hamburg geboren, studierte Theologie und Soziologie. Er forscht und lehrt an der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist Autor zahlreicher Bücher sowie Mitherausgeber der Zeitschrift Praxis Palliative Care. Die Hospizbewegung in der Ortenau ist ihm seit vielen Jahren vertraut und findet ihren Platz in dem 2012 erschienenen Werk "Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland". Sein jüngstes Werk ist "Tugend. Über das, was uns Halt gibt".