"Vieles wird Improvisation sein"

Christine Storck

Von Christine Storck

Mi, 23. Oktober 2019

Offenburg

Die Offenburger Hochschulstudenten Jonas Geisler, Max Finckh und Erwin Gepting drehen Dokumentarfilm im Armenviertel von Accra.

OFFENBURG. Nach monatelanger Vorbereitung sind Jonas Geisler, Max Finckh und Erwin Gepting für sechs Wochen nach Afrika aufgebrochen. Das Ziel der drei Offenburger Filmemacher, Fotografen und Hochschulstudenten: ein Armenviertel in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Dort wollen sie bis Dezember einen englischsprachigen Dokumentarfilm über Straßenkinder drehen, mit dem sie sich europaweit auf Festivals bewerben wollen.

"Born and raised in Accra" soll der am Ende etwa 20 bis 30-minütige Film heißen. Als Ausgangspunkt der Dreharbeiten dient die von dem ghanaischen Musiker Louis Womder gegründete "Universal Wonderful Street Academy" (UWSA) in Accra, eine kostenlose Schule für Straßenkinder, in der sie lernen und essen können, aber auch medizinisch versorgt werden. "Einer unserer Kommilitonen stammt aus Togo, über ihn kam der Kontakt zu Louis Womder zustande", erzählt Produzent und Regisseur Jonas Geisler. "Wir werden in der Schule wohnen und zum Teil dort auch drehen."

Der Film soll ein authentisches Bild des Lebens liefern

Die Schule liegt im Armenviertel "Jamestown", direkt am Meer. Dort wohnen vor allem Fischer. Oft sind sie nicht in der Lage, ausreichend für ihre Familien zu sorgen, sagt Geisler. Deshalb schlagen sich viele Kinder alleine auf der Straße durch. "Mit Unterstützung der Schule wollen wir einige in ihrem Alltag begleiten", sagt er. Aber der Film soll kein Mitleid erzeugen, sondern für die europäischen Zuschauer ein authentisches Bild des Lebens dort vermitteln und Verständnis für die Schwierigkeiten wecken, aber auch die positiven Dinge im Alltag der Kinder zeigen, ergänzen Max Finckh und Erwin Gepting, beide zuständig für Kamera und Sound.

In den vergangenen Monate haben die drei Studenten, die im sechsten Semester "Mediengestaltung und Produktion" an der Offenburger Hochschule studieren, ihre Reise akribisch geplant. Es mussten Visa, Dreh- und Drohnengenehmigungen eingeholt und Geldgeber für die Reisekosten gewonnen werden.

Dafür stellte Jonas Geisler das Projekt rund 130 Unternehmen vor. Ein großer Elektronikhersteller sponsert zum Beispiel die gesamte Kameratechnik, ein Reisebüro aus Dresden Fahrtkosten. "Ich habe rund 40 Terabyte Speicher, SD-Karten, Kamerafilter und Akkus gekauft", erzählt Jonas Geisler. Denn insgesamt müssen rund 170 Stunden Material sicher nach Hause gebracht werden. Den fertigen Film wollen die drei vor der Veröffentlichung als Semesterarbeit einreichen.

Bei Jonas Geisler ist die Liebe zum Dokumentarfilm während eines Praxissemesters in Panama City entstanden. Dort hat er ein kürzlich ein halbes Jahr lang an einer großen Sammlung von Kurzdokus gearbeitet, die das Biomuseo Panama nun dauerhaft präsentiert. Aber auch Max Finckh und Erwin Gepting sind mit Begeisterung dabei. Wie ihr Kollege beschäftigen sie sich bereits seit Jahren mit Filmtechnik und professioneller Fotografie. "Die ersten ein bis zwei Wochen wollen wir zur Orientierung nutzen, bevor wir anfangen zu drehen", berichten sie. Wie sie die Geschichte im Film dann im Detail angehen, wird dann auch ein bisschen dem Zufall überlassen. "Es ist unmöglich, alles genau vorauszuplanen, vieles wird Improvisation sein", sagen sie.

Dass es mit teurer Kamerausrüstung auch riskant sein könnte, sich als Westeuropäer in einem Armenviertel zu bewegen, ist den dreien dabei durchaus bewusst. "Wir werden versuchen, uns ein bisschen zu sozialisieren, und nur in Begleitung Einheimischer zu arbeiten", sagt Max Finckh. Aber Angst macht ihnen das keine. "Ich reise viel, deshalb bin ich wegen des Ziels nicht nervös. Aber Respekt habe ich trotzdem vor dem Projekt, denn es ist das erste, dass ich im Team verantworte", sagt Jonas Geisler. Und auch seine beiden Freunde freuen sich auf den Trip: "Am meisten auf den Dreh, weil wir durch die Augen der Kamera auch alles das erste Mal erleben", meint Max Finckh. Erwin Gepting findet es spannend, ein paar Wochen am Stück ausschließlich auf das Projekt fokussiert sein zu können, ohne Ablenkungen von außen. "Vielleicht können wir in Drehpausen mit den Kindern sogar kleine Fotoworkshops starten und ihnen ein paar Sachen zeigen", sagt er.

Weitere Infos über das Filmprojekt gibt es unter http://www.baria-film.de