Bundestagswahl

Politologe: "Die Messe für die Union ist noch nicht gelesen"

Florian Kech

Von Florian Kech

So, 19. September 2021 um 11:36 Uhr

Südwest

Der Freiburger Politologe Uwe Wagschal spricht über den Vorsprung der SPD, die Tücken von Umfragen und mögliche Wahlausgänge. Folgt man Wagschal, ist die Messe noch nicht gelesen.

Olaf Scholz liegt vorne, Annalena Baerbock verbessert sich am stärksten und Armin Laschet holt auf – zu diesen Ergebnissen des zweiten von drei TV-Triellen mit den Kanzlerkandidaten ist das Team des Freiburger Politikwissenschaftlers Uwe Wagschal (54) gekommen. Die Ergebnisse ermittelte das Team mit dem selbst entwickelten Debat-O-Meter in Echtzeit während des Triells. Was das für den Ausgang der Bundestagswahl in einer Woche bedeutet, sagt Wagschal im Interview.

Badische Zeitung: Herr Wagschal, beim TV-Triell am vergangenen Sonntag haben Sie mit Hilfe einer App, dem sogenannten Debat-O-Meter, Zuschauerreaktionen ausgewertet. Demnach ging Scholz knapp als Sieger hervor. Was hat die Zuschauer an ihm überzeugt?
Uwe Wagschal: Ihm wird deutlich die höchste Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Führungsstärke zugeschrieben. Bei Sympathie lag Annalena Baerbock vorn. Aber die harten Faktoren sprechen für Scholz. Armin Laschet schnitt bei uns übrigens etwas besser ab als bei anderen Meinungsforschungsinstituten. Aber die Tendenz war dieselbe.

Badische Zeitung: Sie haben auch nach dem Alter der Zuschauer unterschieden. Bei Jüngeren schnitt Annalena Baerbock am besten ab, bei den mittelalten lag Armin Laschet vorn und bei den Über-60-Jährigen führte Scholz. Hatten Sie dieses Ergebnis so erwartet?
Wagschal: Dass bei den Jungen Frau Baerbock vorne liegt, war zu erwarten. Dass Herr Scholz bei den Rentnern so gut ankommt, überrascht etwas. Insgesamt haben wir eine deutliche Polarisierung, was das Alter und Geschlecht angeht, wie wir es aus den 1960ern und 1970ern kennen. Offenbar schlagen sich die aktuellen Generationen- und Geschlechterkonflikte auch in Wahlentscheidungen nieder.

Badische Zeitung: Was macht die SPD bei den Über-60-Jährigen so attraktiv? Erinnerungen an Willy Brandt?
Wagschal: Zwar geben alle Parteien an, das Renteneintrittsalter vorerst nicht anheben zu wollen. Aber ich denke, dass die SPD in dieser Frage am glaubwürdigsten erscheint. Aber auch die CDU gilt als rentnerfreundlich. Bei beiden Parteien liegt der Altersdurchschnitt der Anhänger über sechzig.

Badische Zeitung: Hat Ihr Debat-O-Meter auch gezeigt, welche Themen den Zuschauern besonders wichtig sind?

Wagschal: Frau Baerbock hat gut abgeschnitten, als sie forderte, dass die Minister und Abgeordneten auch in die gesetzlichen Rentenkassen einzahlen sollen, und bei Umweltthemen. Armin Laschets bester Punkt war, als er sagte, dass Wohnen im ländlichen Raum attraktiv bleiben soll. Scholz kam gut an, als er sich für eine bessere Bezahlung im Gesundheitsbereich aussprach. Schlecht kam an, als Laschet in seinem Schlussstatement den Grünen eine Gängelpolitik vorwarf.

Badische Zeitung: Dabei wird Laschet von den eigenen Leuten doch ständig gedrängt, mehr Biss zu zeigen.
Wagschal: Verbissenheit und Aggressivität kommen in Debatten meistens schlecht an. Punkten kann man hingegen mit Witz, wie Scholz an manchen Stellen gezeigt hat.

Badische Zeitung: Belegen die aktuellen Umfragen, dass Bundestagswahlen mehr denn je Personenwahlen sind?
Wagschal: In der Wahlforschung gibt es drei Erklärungsfaktoren: die langfristige Parteibindung. Das nimmt ab. Die Sachthemen gewinnen an Relevanz. Aber noch wichtiger werden die Kandidaten. Eine Folge ist die Zunahme persönlicher Attacken.

Badische Zeitung: Vergangene Woche hat Markus Söder gesagt: Wenn es noch eine Chance auf eine Trendwende gibt, dann am Wochenende – mit CSU-Parteitag und Triell. Nun hat Laschet nicht wirklich Boden gut machen können. Ist Scholz also durch?
Wagschal: Es gewinnt nicht immer der, der am stärksten ist. Auch unter Willy Brandt hatte die SPD nicht die Nase vorn, aber einen Regierungspartner. In Israel gab es diese Konstellation unlängst auch. Aber wer die meisten Stimmen hat, hat die besseren Karten.

Badische Zeitung: Ist also auch weiterhin alles offen?
Wagschal: Die Messe für die Union ist noch nicht gelesen. Wir hatten eine Wahl vor zwei Monaten in Sachsen-Anhalt. Drei Tage vor der Wahl lag die Union in Prognosen bei 27 Prozent, am Wahlabend hatte sie 37. Das war ein Desaster für die Wahlforschung. In den vergangenen Jahren gab es viele solcher Beispiele.

Badische Zeitung: Sie spielen auf den Brexit oder den Trump-Sieg an. Man darf doch davon ausgehen, dass die Demoskopen ihre Lehren aus diesen Erfahrungen ziehen und ihre Methoden verfeinern.
Wagschal: Sollte man hoffen. Aber die hauen jede Woche eine neue Umfrage raus. Das Publikum hat großes Interesse. Die Zahl der Meinungsforschungsinstitute nimmt zu. Sie sprechen dann immer von Momentaufnahmen. Wenn sie dramatisch daneben lagen, erklären sie dies mit einem Last-Minute-Swing, dass Wähler in letzter Minute umgeschwenkt seien.

Badische Zeitung: Haben Sie Ideen, wie man die Wahlforschung verbessern könnte?
Wagschal: Dass die Wähler in ihren Entscheidungen immer mobiler werden, macht das Geschäft natürlich schwieriger. Es wäre Aufgabe der Journalisten, auf die Unsicherheit der Ergebnisse hinzuweisen.

Badische Zeitung: Gehen wir davon aus, die Umfragen sind solide. Kennen Sie Beispiele aus der Vergangenheit, in denen ein solcher Vorsprung kurz vor der Wahl noch umgedreht wurde?
Wagschal: 2011 hatten wir in Baden-Württemberg etwas Ähnliches. Da lag die Union bis kurz vor Schluss vor den Grünen.

Badische Zeitung: Dann flog in Fukushima ein Atomkraftwerk in die Luft.
Wagschal: Ein solches Super-Event vor einer Wahl war auch die Oder-Flut. Dadurch hat Schröder zehn Prozentpunkte zugelegt.

Badische Zeitung: Schröder hat bei der Flut Gummistiefel angezogen und Laschet hat gelacht.
Wagschal: Politiker haben eh schon ein Glaubwürdigkeitsproblem. Da sind solche Grinsebilder von Laschet natürlich wenig hilfreich.

Badische Zeitung: Während Scholz ungeniert Merkel nachahmt, scheint es so, als würde die CDU die vergangenen SPD-Wahlkämpfe eins zu eins kopieren. Vom Kanzlerwahlverein ist nicht mehr viel übrig. Wie konnte das passieren?
Wagschal: Die SPD hält ihre Querschießer im Zaum. Wir hören nichts von Kevin Kühnert. Aus vertraulichen Quellen habe ich gehört, dass diese Leute eingenordet wurden. Das ist ja auch vernünftig, sich hinter einem Kandidaten zu versammeln. Das hat bei der Union immer funktioniert. Heute erleben wir eine CDU, die aus allen Rohren gegeneinander feuert. Aber die Leute sehen gerne eine Geschlossenheit der Partei.

Badische Zeitung: Auch bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen gab es jeweils einen kurzen SPD-Hype. Damals hießen die Kandidaten Schulz und Steinbrück. Beweist das nicht auch, dass die SPD immer noch ein großes Wählerpotenzial hat? Hat man sie zu früh abgeschrieben?
Wagschal: Um 1970 sprach man vom sozialdemokratischen Jahrhundert. Um 1990 wurden von den 15 westeuropäischen Demokratien 14 sozialdemokratisch regiert. Aber es gab einen Abwärtstrend. Das Gleiche trifft aber auch für die Christdemokraten zu. Die großen Volksparteien erleben überall einen Abschwung. Zyklisch kann es wieder nach oben gehen. Aber die hohen Werte sind vorbei. CDU und SPD werden sich als Mitte-Parteien stabilisieren, aber wohl nie wieder 40 Prozent erreichen.

Badische Zeitung: Dreier-Koalitionen werden damit zur neuen Normalität.
Wagschal: In Belgien haben wir seit Jahren Fünfer-Koalitionen. Die brauchen für die Regierungsbildung teilweise acht Monate, und wenn sie es nicht schaffen, wird neu gewählt. Holland hat 17 Parteien im Parlament und ist nicht in der Lage, eine Regierung zu bilden. Auch bei uns dauerte es nach der letzten Wahl sechs Monate, bis die Koalition stand. Ich vermute, auch diesmal wird es nicht vor Weihnachten erledigt sein. Dies zeugt letztlich von einer gewissen Handlungsunfähigkeit. Das ist nicht gesund.

Badische Zeitung: Zu welcher Therapie raten Sie?
Wagschal: Das Wahlrecht sollte geändert werden, damit wieder mehr eindeutige Mehrheiten entstehen. In dem gegenwärtigen aufgeblähten Parlament wird eine Politikerkaste gezüchtet, die das politische System delegitimiert. Ich schlage zwei Schritte vor: Wir schaffen die Landeslisten ab und führen eine Bundesliste ein. Die Leute wählen den Bundeskanzler, die interessiert nicht die Landesliste. Und zweitens: CDU und CSU sollten zu einer Liste vereint werden. Mit diesen zwei kleinen Wahlrechtsänderungen wäre das große Problem beseitigt.

Badische Zeitung: Klingt einfach.
Wagschal: Es könnte in der Tat so einfach sein.
Uwe Wagschal ist Professor für Politikwissenschaft und seit 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Freiburg.

Mehr zum Thema: