Arbeitsmarkt

Qualifizierung macht den Job sicherer

Elena Stenzel

Von Elena Stenzel

Mi, 16. Juni 2021 um 18:33 Uhr

Wirtschaft

Die Kampagne "Südbaden qualifiziert" soll die (Weiter-)Qualifizierung von Arbeitskräften in Südbaden voranbringen. Bisher hapert es daran.

Demografischer Wandel und Digitalisierung setzen einigen Branchen in Südbaden ordentlich zu. Um dem Fachkräftemangel und den daraus resultierenden Folgen für die Zukunftsfähigkeit der in der Region ansässigen Betriebe entgegenzuwirken, haben die Fachkräfteallianzen Südlicher Oberrhein und Südwest die Kampagne "Südbaden qualifiziert" ins Leben gerufen. Dabei sollen Unternehmen und Beschäftigte dazu animiert werden, sich beruflich weiterzuqualifizieren.
"Wir wissen ganz genau, was da auf uns zu kommt", sagte Steffen Auer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein, auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Eine alternde Bevölkerung und die Digitalisierung in allen Branchen sorgen seit Jahren für einen zunehmenden Fachkräftemangel. "In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden wir rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze verlieren. Aber wir werden auch neue Arbeitsplätze bekommen und diese werden nicht weniger anspruchsvoll sein", so Andreas Finke, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Freiburg.

Um diesem Strukturwandel beizukommen, müssten Betriebe ihre Arbeitnehmer bereits heute weiterqualifizieren. Doch bisher würden Weiterbildungsmöglichkeiten trotz vieler Förderprogramme wenig genutzt. So haben laut einer Pressemitteilung der Agentur für Arbeit Freiburg im vergangenen Jahr lediglich 412 Menschen zwischen Waldshut und der Ortenau eine Qualifizierung im Rahmen eines Förderprogramms genutzt.

Mit der Kampagne "Südbaden qualifiziert" soll dies nun geändert werden. Die Fachkräfteallianzen Südlicher Oberrhein und Südwest haben in einem ersten Schritt rund 5000 Betriebe in der Region angeschrieben. Sie appellieren an die Firmen, die Weiterbildung ihrer Beschäftigten zu prüfen und sich Unterstützung bei Beratungsstellen zu suchen. Die Kampagne richtet sich an Menschen, die bisher keinen Berufsabschluss erworben haben (sogenannte Hilfskräfte oder Angelernte) sowie an Fachkräfte, die sich über ihren bisherigen Berufsabschluss hinaus weiterqualifizieren wollen.

Im Kampagnengebiet, das sich von Waldshut über Freiburg bis nach Offenburg erstreckt, sind von den rund 600 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigen rund 100 000 ungelernte Arbeitskräfte. Wie Erhebungen der Agentur für Arbeit zeigen, haben diese ein höheres Risiko arbeitslos zu werden und bleiben in der Regel auch länger arbeitslos als Menschen, die eine Qualifizierung haben.

Simon Kaiser ist Leiter des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Südlicher Oberrhein. Seit 2016 wurden in vier Durchläufen 52 Menschen in der Ortenau zum Maschinen- und Anlagenführer weiterqualifiziert. Geprüft wird im Anschluss an die neunmonatige Weiterbildung extern, damit man dem Abschluss nicht ansehe, wie er erworben wurde, erläutert Kaiser. Anreize für Arbeitnehmer sieht er im anschließenden Status als Fachkraft, in der Anerkennung als Leistungsträger und im höheren Gehalt. Tanja Frei ist gelernte Reisebürokauffrau. In den vergangenen Monaten hat sie sich im Online-Marketing-Management weiterbilden lassen. "Unser Beruf ist so schnelllebig, da hat man wirklich nie ausgelernt", sagt die leitende Angestellte. Den viermonatigen Kurs hat sie während der pandemiebedingten Kurzarbeit absolviert. "Mir war wichtig zu schauen, was ich selbst tun kann, und wo wir uns auch mit der Firma aufstellen müssen", sagt Frei rückblickend.

Eine im April veröffentlichte Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kritisiert das deutsche Weiterbildungssystem. Es sei zwar grundlegend leistungsstark, heißt es dort, doch unterscheide sich die Beteiligung an Weiterbildungen in Deutschland stark zwischen den Bevölkerungsgruppen. Besonders "Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen, Geringverdienende und Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen" wiesen niedrige Teilnahmequoten auf, schreiben die Autoren. Die geringe Nachfrage führen sie unter anderem auf das sehr komplexe Weiterbildungssystem zurück mit mehr als 18 000 Anbietern.

Die OECD fordert deshalb, die Weiterbildung in Deutschland in einem "Weiterbildungsgesetz" zu vereinheitlichen, um Mindestqualitätsstandards und höhere Anreize zu sichern. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi begrüßte diesen Vorschlag, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände kritisierte ihn hingegen. Von Seiten der FDP kam unlängst der Vorschlag, ein "Midlife-BAföG" einzuführen, das Menschen in der beruflichen Weiterbildung finanziell unterstützen soll.

Nächster Termin der Kampagne "Südbaden qualifiziert" ist eine Online-Infoveranstaltung für Arbeitgeber am 30. Juni.