Drücken gegen den Druck

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Mo, 02. Mai 2016

Gesundheit & Ernährung

Pickel ausdrücken, bis das Gesicht Krater hat – Skin-Picking-Betroffene bearbeiten ihre Haut zwanghaft /.

"Ekelhaft! Wie ist es möglich, dass ich mir selber so etwas antue?", schreibt T., Studentin. "Wenn ich vor dem Spiegel stehe, laufen mir die Tränen herunter. Ich fühle mich so hässlich", erzählt J., 22 Jahre alt. "Ich sehe meine Haut vor mir: Oberarme, Rücken, Dekolleté, Gesicht; vernarbt, verkrustet, zum Teil eitrige Stellen unter dem Schorf … das darf niemand sehen", erklärt sich E., Studentin aus Bayern. "Dieses Versagen, diese Scham über sich selbst. Die Wunden, die zurückbleiben, die vielen Narben, die fragenden Blicke anderer Menschen, die missbilligenden Blicke meiner Familie – ‚Du musst das nicht tun!’ – und doch, ich MUSS!", schreibt die 19-jährige Schülerin C.

Was all diese jungen Frauen so sehr quält, dass sie ihre Gedanken in einem Online-Forum niederschreiben, ist das zwanghafte Bearbeiten ihrer Haut. Sie quetschen Pickel aus, pulen Talg aus Hautdrüsen oder kratzen Unebenheiten auf. All das weit über ein normales Maß hinaus. Sie geben sich nicht damit zufrieden, wenn der Mitesser entfernt, das Härchen ausgerissen und das Eiterbläschen geleert ist. Sie drücken weiter, bis es blutet. Immer und immer wieder.

Wissenschaftler nennen dieses Phänomen, von dem offenbar vor allem Frauen betroffen sind, Skin-Picking, Dermatillomanie oder Acne excoriée. Die Menschen, die sich wund kratzen, sprechen von sich selbst als Skin-Picker. Seit 2013 ist das Skin-Picking als "excoriation (skin-picking) disorder" im DSM V eingetragen, einem diagnostischen und statistischen Leitfaden für psychische Störungen. Es gilt damit als eigenständige Erkrankung. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO will in der nächsten Ausgabe ihrer internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD) das Skin-Picking als Impulskontrollstörung aufnehmen. Die Anerkennung durch diese renommierten Klassifikationssysteme zeigt: Es handelt sich dabei um mehr als nur eine dumme Angewohnheit.

Linda Mehrmann spricht gerne von einem Ventil, über das die Betroffenen Stress oder inneren Druck abbauen. "Der eine fängt in solchen Situationen an zu rauchen, der andere kaut Nägel, der Dritte kratzt sich die Haut auf", sagt Mehrmann, die an der Humanistischen Fakultät der Kölner Universität zum Skin-Picking forscht. Das pathologische Knibbeln wird der Psychologin zufolge oft mit dem Ritzen der Arme von Borderline-Patienten verglichen. Fälschlicherweise. "Bei einer Borderline-Störung ist das Ziel die Selbstverletzung, bei Skin-Picking geht es darum, einem Drang nachzugeben", erklärt Mehrmann. Dass die Haut durch das stete Bearbeiten oft irreparable Schäden davonträgt, ist keine Absicht, sondern Folge der Erkrankung.

Mehrmann und ihre Kollegen wollen den Betroffenen helfen. Sie planen auf lange Sicht ein onlinebasiertes Selbsthilfeangebot. Dafür müssen sie herausfinden, was genau eine Knibbelepisode auslöst und wie die Skin-Picker mit der Situation so umgehen können, dass sie gar nicht erst anfangen, sich zu verunstalten. Der Klassiker, sagt Mehrmann, sei die junge Frau, die ausgehen will. Sie stellt sich vor den Spiegel, um sich zu schminken. Dabei fällt ihr eine Hautunreinheit auf. Vielleicht sieht sie sie, vielleicht fühlt sie auf der Wange diese kleine erhabene Stelle. Sie beginnt zu quetschen und kann nicht mehr aufhören. Eine halbe Stunde später ist ihr Gesicht flammend rot, auf der Stirn und am Kinn sind blutende Stellen zu sehen, auf den Wangen tiefe Krater. Sie sagt die Verabredung ab. "Scham spielt hier eine große Rolle, in ihrem Umfeld erfahren die Skin-Picker oft wenig Verständnis, meist bekommen sie zu hören, dass sie es doch einfach lassen sollen", erklärt Mehrmann.

Um Wege für dieses "einfach lassen" zu finden, analysieren die Forscher um Linda Mehrmann die verschiedenen Reize, die zum Beginn einer Skin-Picking-Episode führen können. Je nach Intensität der Erkrankung zuppeln, quetschen und drücken die Betroffenen dann unter Zuhilfenahme von Fingernägeln, Pinzetten oder Nadeln minuten- bis stundenlang an ihrer Haut herum. "Wir vermuten, dass das Knibbeln durch Gedanken und Gefühle ebenso ausgelöst werden kann wie durch visuelle oder haptische Reize", sagt Linda Mehrmann. Letztere vergleicht sie mit einer Situation, die fast jeder kennt: Wer mit den Fingern über den Schorf einer frisch verheilten Wunde streicht, spürt oft das Bedürfnis, diese kleine Unperfektheit zu beseitigen und den Schorf wegzukratzen.

Zurzeit konzentriert sich das Team von Linda Mehrmann auf den visuellen Reiz. Die Wissenschaftler zeigen den Probanden Aufnahmen von Hautunreinheiten und Wunden und befragen sie zu ihrem Knibbeldrang. Ersten Ergebnissen zufolge ist der beim Betrachten solcher Bilder deutlich erhöht. Also lautet eine mögliche Schlussfolgerung: Nicht hingucken! "Um den Stimulus zu umgehen, kann es vorerst hilfreich sein, den Spiegel abzuhängen oder die Lichtverhältnisse so zu verändern, dass die Haut nicht mehr so gut erkennbar ist", erzählt Mehrmann.

Die womöglich auslösende Situation zu verändern oder zu vermeiden ist ein Ansatz, der den Skin-Pickern dabei helfen kann, sich weniger zu kratzen. Der zweite ist es, dann, wenn der Drang zum Knibbeln übermächtig wird, eine Ersatzhandlung vorzunehmen. Die Britin Samantha Wake, die in ihrem Facebook-Profil "Dermatillomania UK" sehr offen mit ihrer Erkrankung umgeht, postet immer wieder Bilder von Babyspielzeug, Greiflingen, die sich in alle Richtungen verdrehen und bewegen lassen. Damit hält sie ihre Finger in Schach.

Sie rät ihren Lesern, das Beschäftigungsstück immer wieder zu wechseln, damit es dem Gehirn nicht langweilig wird und die nächste Hautunreinheit nicht doch verlockender erscheint. Wake hat solche Greiflinge überall in ihrer Wohnung, in der Handtasche und im Auto deponiert. Sie sagt, damit habe sie das Skin-Picking halbwegs in den Griff bekommen. Einer ihrer Fans schreibt, bei ihm funktioniere es mit Anti-Stress-Bällen. Ein anderer hat gelernt, in dem Moment, wenn die Finger losknibbeln wollen, die Hände zu Fäusten zu ballen und in den Schoß zu legen. Experten nennen dieses Finden von Ersatzhandlungen Habit-Reversal-Training, also das Verändern einer Reaktion auf einen bestimmten Auslöser. Das setzt allerdings voraus, dass der Betroffene sich seines Verhaltens bewusst ist, seine Muster kennt, und akzeptiert, dass das Quetschen ein echtes Problem ist.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hat der britische Arzt Erasmus Wilson bei seinen neurotischen Patienten zwanghaftes Hautbearbeiten beschrieben. Doch bis heute ist die Zahl der Studien dazu überschaubar. Die fehlende wissenschaftliche Aufarbeitung des Krankheitsbildes ist ein Grund, weshalb selbst viele Hautärzte einen Patienten mit Dermatillomanie nicht erkennen. "Dabei wäre es wichtig, dass gerade die Fachleute draufschauen und feststellen, ob es sich zum Beispiel um pubertäre Akne und das normale Pickelausdrücken bei Teenagern handelt, oder ob hinter diesem völlig aufgepulten Gesicht eine andere Ursache stecken könnte", sagt Susanne Fricke. Die Psychologin und Psychotherapeutin ist Mitautorin des Buches "Die eigene Haut retten", in dem Skin-Picker Hilfe zur Selbsthilfe finden. Mit einer Verhaltenstherapie, sagt Fricke, hätten Betroffene sehr gute Chancen, von der Knibbelei loszukommen. "Leider wissen viele gar nicht, dass sie krank sind, und dass man etwas dagegen tun kann", sagt Susanne Fricke. "Stattdessen denken sie, sie müssten sich einfach zusammenreißen und entwickeln nach und nach immer mehr Schamgefühl und sogar Ekel vor sich selbst, weil sie genau das nicht schaffen."

Was genau die Krankheit auslöst, ist bis heute unklar. Sie entwickelt sich oft schleichend, die Pubertät ist bei vielen Betroffenen der Anfang ihrer Leidensgeschichte. "Das Pulen und Knibbeln etabliert sich nach und nach als Stressabbaumethode", sagt Fricke. Aber auch Frauen und Männer zwischen 30 und 45 Jahren können plötzlich entdecken, dass es sie beruhigt, wenn sie an ihrer Haut kratzen. Dafür braucht es nicht zwingend besonders viel Stress oder psychischen Druck – es hat sich einfach bewährt, so wie für andere das Nägelkauen oder das Spielen mit dem Smartphone.

Die Folgen der Dermatillomanie sind allerdings weit gravierender als die des Handydaddelns. Zum einen trägt die Haut Schäden davon, die nicht zu reparieren sind. "Bei vielen ist die Haut nach Jahren völlig kaputt, mit Beulen, Narben, nässenden Wundern und eitrigen Kratern", sagt Fricke. Durch die offenen Stellen steigt die Infektionsgefahr. Skin-Picker sollten daher darauf achten, dass ihre Schutzimpfungen aktuell sind. Die ästhetischen Makel führen zudem dazu, dass Betroffene sich immer mehr isolieren, sie ziehen sich zurück. Sie kaufen nur langärmelige T-Shirts und Hosen, um wundgekratzte Stellen an Oberarmen, Dekolleté und Beinen zu verdecken. Sie verbringen Stunden vorm Spiegel, um sich zu schminken und die Wundmale zu kaschieren. Und damit das Make-up auch hält, sind schweißtreibender Sport mit Freunden oder Schwimmbadausflüge tabu. Je länger jemand unter Skin-Picking leidet, sagt die Psychologin Susanne Fricke, umso schwieriger sei es, davon loszukommen. Aber nicht unmöglich.