Schutz vor Gewalt

Sozialpädagogen arbeiten auch während der Corona-Krise bei Familien mit Problemen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

So, 05. April 2020 um 15:51 Uhr

Freiburg

Freiburger Fachleute machen sich Sorgen um überforderte Familien und erproben neue Wege der Hilfe. Doch der persönliche Besuch ist oft unverzichtbar – und die Schutzmöglichkeiten vor dem Virus gering.

Ausnahmezustand – das gilt zurzeit für alle. Besonders zugespitzt ist die Corona-Isolation für Familien, die ohnehin Unterstützung in ihrem Alltag brauchen. Beratungsstellen sind eingeschränkt oder nur telefonisch erreichbar, Kitas, Schulen und teils auch Arbeitsplätze fallen weg. Bei 508 Familien in Freiburg kommen regelmäßig Fachkräfte vorbei: Sozialpädagogische Familienhelfer und Betreuungshelfer sollen verhindern, dass Kinder und Jugendliche in ihren Familien Gewalt und anderen Schädigungen ausgesetzt sind. Wie arbeiten sie zurzeit?

Die Angst vor Corona muss zweitrangig sein. Das fordert Manfred Elsner, der Abteilungsleiter für den Kommunalen Sozialen Dienst. Natürlich fordert er alle Fachkräfte der Sozialpädagogischen Familienhilfe, die unter 19 verschiedenen Trägern im Einsatz sind, dazu auf, sich durch Desinfizieren und Abstand halten möglichst gut zu schützen. Doch das Risiko, dass – von allen unbemerkt – Kinder und Jugendliche in große Not geraten, sieht er als derzeit größte Gefahr.
Wo gibt es Hilfe?

Frauen, Männer oder Kinder, die selbst Angst vor häuslicher Gewalt haben, aber auch Nachbarn, Freunde oder Angehörige können sich Unterstützung holen bei folgenden Anlaufstellen: Wenn es bei akuter Gefahr schnell gehen muss, nachts oder an Wochenenden ist der Polizeinotruf unter 110 sinnvoll. Ebenfalls rund um die Uhr ist das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erreichbar unter Telefon 0800/116016, http://www.hilfetelefon.de - der Anruf ist kostenlos, Beratung in 17 Sprachen möglich.

In Freiburg können sich alle in Not an die Freiburger Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt richten, Telefon 0761/8973520, E-Mail: info@frig-freiburg.de, frig-freiburg.de. Sie arbeitet zusammen mit dem Frauen- und Kinderschutzhaus Freiburg und der Frauenberatungsstelle, Telefon 0761/31027, E-Mail: info@frauenhaus-freiburg.de, frauenhaus-freiburg.de

Deshalb sei von Anfang an klar gewesen, dass die Sozialpädagogische Familienhilfe auch in Corona-Zeiten weiter gehen müsse, sagt er. Das gelte ebenso für die Arbeit im Jugendamt, wo nach wie vor unter anderem Familien vorbeikommen müssen, bei denen geklärt wird, ob die Kinder daheim bleiben oder an einem sichereren Ort unterkommen sollen.

Um genügend Abstand zu ermöglichen, seien für solche Gespräche extra vier Räume im Erdgeschoss frei geräumt worden. Außerdem hat Manfred Elsner alle Mitarbeiter aufgefordert, jetzt gezielt Eltern anzurufen, mit denen das Jugendamt irgendwann im Kontakt war, die aber keine dauerhafte Unterstützung bekommen. Denn am meisten Sorgen macht er sich um all diejenigen, bei denen es auch ohne Corona nie einfach war und wo derzeit niemand mehr mitbekommt, wenn sich alte und neue Konflikte zuspitzen. Auch in normalen Zeiten sei es schwer genug, davon zu erfahren. Zurzeit aber gibt es nicht mal Erzieher oder Lehrerinnen, denen es auffallen könnte, dass ein Kind in Not ist. Im Vergleich dazu wird bei den Familien, die wegen größerer Probleme bereits betreut werden, zumindest genauer hingeschaut.
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Dabei allerdings läuft nun einiges anders als sonst: Elena Metzger war kürzlich mal bei einer Familie beim Abendessen dabei – aus sicherem Abstand über eine Videokonferenz. Sie arbeitet beim Sozialdienst katholischer Frauen in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Neu ist nicht nur, dass sie die Eltern und Kinder nicht persönlich getroffen hat, sondern auch, dass sie nun öfter zu ungewöhnlichen Zeiten arbeitet, weil derzeit alles flexibler ist. Das hat neben all der Nachteile durch mehr Distanz auch Vorteile: Früher hat sie diese Familie nie beim Abendessen erleben können. Genau wie sie und ihre Kollegen versuchen auch die 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vereinigung Freiburger Sozialarbeit (VFS), die knapp 200 Familien begleiten, möglichst viel durch den Einsatz von Telefongesprächen, Skypen und andere Medienkontakte und vor allem durch Treffen im Freien hinzubekommen, erzählen Martina Geng und Sandra Herr, die Koordinatorinnen bei der VFS.

Natürlich seien aber weiter auch Hausbesuche nötig, betonen alle. Ganz besonders, wenn die Kinderschutz-Situation ohnehin schon zugespitzt ist. Schutzausrüstungen gibt es keine, und mit kleinen Kindern, die auf ihre Gäste zustürmen, klappt auch Abstand halten kaum. Erst recht nicht, wenn alles viel zu eng ist. "Unsere Familien haben eben keine großzügigen 140-Quadratmeter-Wohnungen", sagt Manfred Elsner. Und auch sonst hätten sie deutlich eingeschränkte Voraussetzungen, um sich gut über die angespannten Corona-Zeiten zu bringen.

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