Genuss mit Mehrwert

Reinhold Wagner

Von Reinhold Wagner

So, 18. Oktober 2020

Gastronomie

Der Sonntag St. Ottilien liegt nicht nur im Wald, sondern ist auch Partner in Sachen Bäume.

Drei letzte, langgezogene Kurven noch, dann ist das Ausflugsziel erreicht: das Waldrestaurant St. Ottilien. Hoch oben im Bergwald über dem Freiburger Stadtteil Waldsee zieht es Radfahrer und hungrige Spaziergänger an.

Im Freiburger Stadtwald scheinen Welt und Wald noch in Ordnung. Gesund und mächtig wirken die Baumriesen. Da fliegt überraschend ein Grünspecht auf und rettet sich an eine Tanne. Dort durchdringen einzelne Sonnenstrahlen das dunkle Dickicht und werfen bunte Lichtreflexe auf die Hänge. Abwechslungsreiche Waldwege verlocken zu Spaziergängen an der frischen Luft, gefolgt von kulinarischen Genüssen in historisch bedeutsamem Ambiente und bei klarer Fernsicht.

Nach St. Ottilien führen viele Wege: Von Herdern aus kommend auf einer Höhenebene bequem und auch für Rollstuhl oder Kinderwagen geeignet, ist nur einer davon. Der legendäre Schokoladenweg und der steil ansteigende Wallfahrtspilgerpfad aus dem Tal sind zwei weitere Möglichkeiten. Über Serpentinen schlängelt sich die Straße von der Karthaus aus durch den Wald. Und im wilden Zick-Zack führen MTB-, Bike- und Spazierpfade kreuz und quer durch den Wald, bevor sie auf die Hauptrouten treffen, an deren Ende die berühmte Kapelle mit der Ottilien-Quelle steht, ein kleiner Waldspielplatz, eine großzügige Außenfläche mit Aussicht und ausladenden Kastanien – und das gemütliche Waldrestaurant St. Ottilien.

Appetit hat wohl jeder, der herkommt. Und die große Auswahl an badisch-regionalen oder auch international angehauchten Speisen macht die Entscheidung nicht leichter.

Als diesen Sommer ein Schreiben in St. Ottilien eintrudelte, in dem der Gründer der Initiativen "Food for Future" und "Click a Tree", Chris Kaiser, für seine Idee warb, durch den Verzehr eines ausgewählten Gerichts das Pflanzen eines Baums und somit Hilfsprojekte in ärmeren Ländern zu unterstützen, mussten Lilia und Michael Abbey nicht lange überlegen und wurden zu Partnern. Sie gehörten zu den Ersten, die im Raum Freiburg ihren Gästen die Möglichkeit boten, durch die Wahl eines bestimmten Gerichts das Waldprojekt zu unterstützen. Erstaunlich dabei: Nur fünf Euro reichen aus, um etwa in Afrika oder Asien einen Baum zu setzen.

Lilia und Michael Abbey haben für diese Aktion wahlweise ein vegetarisches oder veganes Gericht auf der Karte. Im Oktober stehen nun – nach Kokoscurry im August und gefüllten Zucchini-Schiffchen im September – Marokkanische Gnocchi mit Kürbis, Dörrobst und gratiniertem Ziegenfrischkäse auf dem Speisezettel.

Ein Gericht, bei dem einem schon beim bloßen Studieren der verwendeten Zutaten das Wasser im Mund zusammenläuft. Erst recht, wenn man dann auch noch dem Küchenchef dabei zusehen darf, wie er in der Küche alles nacheinander in die Pfanne wirft, diese behände über der offenen Flamme herumwirbelt, das Ganze mit Käsetopping in eine Ofenform gibt und nochmals überbäckt, bevor es heiß und noch in der feuerfesten Form auf den Tisch kommt.

Dazu vielleicht ein bunter Beilagensalat, auf dem sich grüne Kresse und rot-weiß geringelte Rote Bete der Kreuzung "Tonda di Chioggia" ein farbenfrohes Stelldichein geben? Bei diesem Essen genießt schon das Auge. Schmecken tut es dann auch noch und die Baumpflanzaktion ist sicherlich etwas für das gute Gewissen.

Damit es nicht bei einer anonymen Spende an die Initiative bleibt, verspricht "Food for Future" übrigens jedem Interessierten, dass er die Entwicklung "seines" Baums zu jeder Zeit mitverfolgen kann. Wenn er im Netz seine Mail-Adresse angibt, bekommt er entsprechende Informationen zugeschickt.

Aber wie kam es überhaupt zu diesem Projekt? Weltenbummler Chris Kaiser machte sich 2012 nach Thailand auf und verliebte sich in die dortige Tier- und Pflanzenwelt. Auf das massive Waldsterben aufmerksam geworden, krempelte er die Ärmel hoch und half zunächst, wo er konnte. Schließlich kam ihm die Idee, Hilfsaktionen vor Ort wie das Pflanzen von Bäumen mit den Lieblingsbeschäftigungen der Menschen in den Industrieländern zu verknüpfen: Reisen und Essen gehen.

Lokale in Stuttgart und Karlsruhe machten mit, einige im Raum Villingen-Schwenningen und weitere in der Heimat seiner Eltern, in Radolfzell am Bodensee. Dann versuchte er sein Glück in Freiburg – und traf auf Lilia und Michael Abbey von St. Ottilien. Zwei weitere Gastronomiebebetriebe in Freiburg haben jetzt offenbar auch Interesse bekundet.
Waldrestaurant St. Ottilien, Kartäuserstraße 135, 79104 Freiburg, 0761/63230, http://www.st-ottilien.com http://mehr.bz/tree