Schwarzwald

"Tourismus im Schwarzwald darf nicht stehen bleiben"

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Do, 11. Juli 2019 um 09:22 Uhr

Südwest

Die Besucherzahlen im Schwarzwald steigen stetig. Branchen-Kenner glauben, dass die Bewegung für mehr Klimaschutz diesen Trend noch verstärken wird.

Schwarzwald: Das sind tiefblaue Seen, umsäumt von Tannenwäldern, mit Schindeln verkleidete Häuser, Blumenwiesen, auf denen gelber Enzian und blaue Lupinen blühen. Das sind aber auch mit grauen Eternitplatten gedämmte Häuser in Löffingen und anderen Orten, Gaststätten, vor denen Wanderer unter grellbunten Brauerei-Sonnenschirmen sitzen, Feierhütten aus Aluminium, die für Redbull werben, Hotelklötze auf den Anhöhen. Neben der prachtvollen Natur wirken die menschlichen Zeugnisse – besondere die neueren – manchmal etwas schäbig. Die Touristen scheint das nicht zu stören: Kamen laut Schwarzwald Tourismus GmbH 2008 etwa 6,5 Millionen Touristen in den Südwesten, waren es zehn Jahre später 8,6 Millionen.

Gleichwohl sind die Verantwortlichen der Branche überzeugt, dass der Tourismus im Schwarzwald nicht stehen bleiben darf, sondern sich weiterentwickeln muss. "Aufgrund der Altersstruktur in Deutschland kommen immer mehr ältere Leute. Die Senioren heute sind aber oft Hedonisten, sie lieben gutes Essen, gute Kleidung, sie haben ein schickes Zuhause. Die erwarten auch, dass unsere Hotels stylisch sind", sagt Steffen Schillinger von den Lauterbad-Hotels in Freudenstadt bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Demographischer Wandel und Auswirkungen auf den Tourismus im Schwarzwald und das Reiseverhalten" in Löffingen.



Darauf müsse die Branche reagieren. "Roter Flauschteppich aus den 70er-Jahren geht gar nicht mehr", meint Schillinger. "In vielen Hotels und Gaststätten gibt es großen Investitionsbedarf", sagt Thomas Bareiß, CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen. "Die Hotels müssen mit Blick auf älter werdende Gäste mehr in Barrierefreiheit investieren." Um der Tourismusbranche zu helfen, plädiert er dafür, die Mehrwertsteuer für Hotelbetten bei sieben Prozent zu belassen.

Doch es sind nicht nur Senioren, die zunehmend den Schwarzwald bereisen: Es kommen Familien mit Kindern, Mountain- und E-Biker aller Altersklassen, Motorradfahrer. "Heute gilt: lieber Greta statt Kreta. Wegen des Greta-Effekts werden mehr junge Leute aus Deutschland und benachbarten Ländern Urlaub im Schwarzwald machen", sagt der Schweizer Tourismus-Experte Urs Kamber. "Manche Kinder verbieten sogar ihren Eltern, mit dem Flugzeug zu verreisen." Die Schwedin Greta Thunberg hat die Protestbewegung "Fridays for Future" für mehr Klimaschutz angestoßen.

Zu europäischen kommen Touristen aus Brasilien, Russland, Indien oder China hinzu. Deutschlandweit lag der Zuwachs bei brasilianischen Touristen von 2017 auf 2018 bei 14, bei Chinesen bei elf Prozent. "Selbst in Schanghai habe ich Schwarzwälder Kirschtorte gesehen. Man kennt also auch dort den Schwarzwald", sagt Bareiß. Darauf könne man aufbauen.

Mehr und ganz verschiedene Touristen bedeutet aber auch, dass viele unterschiedliche Interessen ausgeglichen werden müssen. "Es gibt die Besucher, die ein Idealbild des Waldes haben und dort nach Ruhe suchen, die kommen leicht in Konflikt mit Mountainbikern, mit denen sie um die engen Waldwege konkurrieren", sagt Ulrich Schraml von der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg. Streit sei aber die Ausnahme. Weil alle Sorten von Outdoor-Sport boomen, muss die Bergwacht immer öfter ausrücken. "Vor zwei Jahren landete ein 96-jähriger Gleitschirmflieger im Baum", berichtet Adrian Probst, Bürgermeister von St. Blasien.

Ein weiteres Problem gilt es zu lösen, soll der Schwarzwald für den Tourismus attraktiv bleiben: "Wer in jedem Tal im Funkloch steckt, kommt nicht wieder", meint Thomas Bareiß. Ziel der Regierung sei es, das Mobilfunk- und das Breitbandnetz auszubauen. "Es darf kein Schwarzwaldtal mehr ohne Netz geben." Thomas Burger, Präsident des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen in Baden (WVIB), hört das gerne, nicht nur wegen der Touristen. "Wir brauchen eine gute Infrastruktur, wenn wir Arbeitnehmer anlocken wollen mit dem Motto: Wir arbeiten, wo andere Urlaub machen." Gerade Hoteliers und Gastwirte beklagen, dass sie nicht genug Mitarbeiter finden.
Zahlen im Tourismus

Die Zahl der Übernachtungen lag im Schwarzwald 2018 bei 22,2 Millionen. Das geht aus dem jüngsten Bericht der Schwarzwald Tourismus GmbH hervor, der in Löffingen vorgestellt wurde. In diese Zahl flossen nur Betriebe mit mehr als neun Betten ein. Insgesamt wird die Zahl auf 40 Millionen Übernachtungen geschätzt. 75 Prozent der Gäste kommen aus Deutschland. Unter den Ausländern stellen die Schweizer mit 31 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von den Niederländern (zwölf Prozent).