Wärme, Suppe und Erholung

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 13. Juli 2019

Freiburg

Vor 100 Jahren gründete sich die bundesweit tätige Arbeiterwohlfahrt als Folge der Nachkriegsnot – gebraucht wird sie nach wie vor.

FREIBURG. Vor 100 Jahren entstand die Arbeiterwohlfahrt (AWO) – doch seit wann genau es die AWO in Freiburg gibt, ist nicht bekannt, sagt Hansjörg Seeh. Er muss es wissen: Von 100 AWO-Jahren hat er, 1937 geboren, 82 mehr oder weniger bewusst miterlebt. Seine Mutter Emmi Seeh (1908 bis 1961) wurde 1925 SPD-Sekretärin, 1946 AWO-Geschäftsführerin und 1949 SPD-Stadträtin. Für ihn selbst gab’s nie ein Leben ohne AWO, Ruhestand hin oder her. Der frühere Sozialbürgermeister ist derzeit AWO-Vorsitzender in Freiburg.

Dass es kein Material zu den Anfängen in Freiburg gibt, liegt am Nationalsozialismus, sagt Hansjörg Seeh: 1933 wurden die AWO-Räume besetzt, das Material vernichtet und die AWO verboten – als einziger Wohlfahrtsverband, der sich der Gleichschaltung widersetzte. Zu der Zeit war die AWO eng mit der SPD verknüpft, das war auch bei seiner Mutter so, die als SPD-Sekretärin ganz selbstverständlich bei der AWO mitarbeitete und 1933 für eine Woche inhaftiert wurde.

Vermutlich hatte sich die AWO in Freiburg Anfang der 1920er gegründet, wie überall als Reaktion auf die große Not der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Aus den Großstädten wurde die Idee übernommen, für Kinder Erholung anzubieten, außerdem gab es Wärmestuben und Suppenküchen. Eine Anlaufstelle war die Alte Schule in Haslach. Nach der Pause im Nationalsozialismus legte die AWO gleich 1945 wieder los, zunächst inoffiziell, ab 1946 mit Erlaubnis der französischen Besatzung. Wieder war die Not groß – die AWO reagierte mit den gewohnten Angeboten. Die Stadtranderholung für Kinder, die 1948 zum ersten Mal wieder stattfand, etablierte sich dauerhaft.

Hansjörg Seeh, damals ein elfjähriger Junge, war von Anfang an dabei: anfangs auf dem "Hebsack" in Herdern, nur durch einen Zaun abgetrennt vom Licht-, Luft- und Sportbad des Naturheilvereins, einer alten Stätte der Freikörperkultur, später an der Oberrieder Straße, und ab 1950 zusätzlich in Zeltlagern am Bodensee. Ab 1954 betreute Hansjörg Seeh selbst die Jüngeren, bis 1967 begleitete er regelmäßig Ferienlager. Der Sommer 1966, als er Lagerleiter eines neuen Ferienheims im Schwarzwald war, blieb ihm besonders in Erinnerung: Damals waren, als Folge früher und guter Kontakte der AWO zu französischen Kollegen, drei Franzosen dabei – einer war der junge Daniel Cohn-Bendit, der bald darauf einer der bekanntesten Anführer der 1968er-Bewegung in Frankreich und Deutschland und dann Grünen-Politiker wurde.

Hansjörg Seeh hat er damals anstrengende Diskussionsnächte bis 3 Uhr morgens beschert . Denn der zwar engagierte, aber auch sehr hartnäckige Daniel Cohn-Bendit versuchte – vergeblich – ihn zu überzeugen, dass Mädchen und Jungs dieselben Duschen benutzen und überhaupt alle Freiheiten haben sollten, einander näherzukommen, erzählt Hansjörg Seeh.

Obwohl er selbst immer bei der AWO engagiert und damit aufgewachsen war, dass das Wohnzimmer daheim gleichzeitig das Büro seiner Mutter und Anlaufstelle für viele Menschen in Not war, hatte ihn sein beruflicher Weg erstmal in eine andere Richtung geführt: Er machte eine Ausbildung als Starkstromelektriker und arbeitete bei Siemens. Dann stieg er 1963 doch bei der AWO ein, zunächst im Umland, 1967 wurde er AWO-Geschäftsführer in Freiburg.

Damals war die AWO in Freiburg zwar noch klein, die Arbeit hatte aber schon deutliche Spuren hinterlassen: Die ersten Kindergärten, die als Vorreiter Ganztagsbetreuung anboten für Mütter, die arbeiten mussten, entstanden um 1950 in Haslach und an der Hornusstraße.

Seit 1977 ist die Freiburger AWO in Weingarten verankert

1953 folgte das erste Altenheim in Freiburg, das nach der früh gestorbenen Emmi Seeh genannt wurde, die sich sehr stark dafür eingesetzt hatte. 1963 kam ein Studierendenwohnheim dazu – gezielt für diejenigen Studierenden, die keine gutverdienenden Akademikereltern hatten oder aus dem Ausland kamen. Hansjörg Seeh baute die sozialen Angebote in seinen 21 Jahren als Geschäftsführer weiter aus, darauf folgten ab 1988 14 Jahre als Sozialbürgermeister, in denen er die AWO-Aktivitäten aus einer anderen Perspektive weiterbegleitete.

Sehr wichtig für die AWO war, dass sie 1977 mit der Seniorenwohnanlage und den daran angekoppelten Büros in Weingarten ihr Zentrum bekam. Deshalb war es Hansjörg Seeh ein Anliegen, mit der derzeit laufenden Sanierung ein Zeichen für die Verankerung der AWO in Weingarten zu setzen – nach wie vor leben hier viele von denen, für die sich die AWO seit einem Jahrhundert einsetzt . Wichtig dabei ist ihm immer die Verknüpfung von tatkräftiger Unterstützung mit der Forderung nach garantierten Rechten und mehr sozialer Gerechtigkeit. Er hat sich dafür von 1988 bis 2012 auch im Bundesvorstand und von 1968 bis 2014 im Bezirksvorstand Baden eingesetzt. Auch mit 82 Jahren verfolgt er diese Ziele weiter – als Vorsitzender der Freiburger AWO.

Samstag, 13. Juli, 13.30 Uhr: Feier zum 100-Jahre-Jubiläum im Emmi-Seeh-Heim, Runzstraße 77. Kein Eintritt, Spenden erwünscht für die Katharinenhöhe, eine Krebsnachsorgeklinik für Kinder.