Waffen, Menschenschädel und Elfenbein

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 16. Juni 2019

Basel

Der Sonntag Das Basler Museum der Kulturen stellt sich in seiner Ausstellung den Fragen zur Ethik des Sammelns, Bewahrens und Ausstellens.

Geheime religiöse Kultobjekte, Totenschädel, Vogelfedern und Pfeile aus fernen Ländern – in völkerkundlichen Sammlungen lagern vergiftete Objekte aus der Kolonialzeit. Das Museum der Kulturen bewertet diese nun neu.

Die Restitution oder Rückgabe geraubter oder zwangsverkaufter Kulturgüter anderer Nationen ist nicht erst in aller Munde, seit Emmanuel Macron Ende 2017 die eigene koloniale Vergangenheit zum Thema gemacht hat. "Das afrikanische Kulturerbe darf nicht länger ein Gefangener europäischer Museen sein", hatte der französische Präsident gesagt und damit unter Völkerkundlern ein Beben ausgelöst. Macron hatte indes nur Klartext gesprochen zu einem seit den studentenbewegten 1968er Jahren verhandelten Thema. "Wir haben mit den Vorarbeiten zur Ausstellung schon vor Macrons Rede angefangen", betont auch Anna Schmidt, Direktorin des Museums der Kulturen in Basel.

Das Thema Restitution ist ohnehin nur ein Aspekt der von Beatrice Voirol kuratierten Ausstellung. Anhand von 1 200 gezeigten Objekten geht sie auch der Frage nach, unter welchen Umständen einzelne Stücke beschafft wurden, was genau es mit ihnen zu belegen galt, oder wie mit der Thematik umzugehen ist, dass Gegenstände von religiöser Bedeutung – wie etwa die sogenannten Tjurunga aus Zentralaustralien – eigentlich unsichtbar bleiben sollten. Wurden sie doch von denen, die sie von Generation zu Generation weitergaben, als heilig und höchst geheim betrachtet. In Basel hat man sich jetzt, wie in vielen anderen Museen auch, dagegen entschieden, die zur Sammlung gehörenden Exemplare zu zeigen. Stellvertretend liegt hier nur eine bloße Beschriftung.

Anders steht es um die Pfeile, von denen in der Ausstellung "Wissensdrang trifft Sammelwut" allein 289 gezeigt werden. 7 622 besitzt das Museum insgesamt, was seinerseits heute fragwürdige Gründe hat. Wurden doch indigene Gesellschaften von Kolonialregierungen üblicherweise entwaffnet, was sie wehrlos machte, von Missionaren aber auch unter dem Begriff der "Zivilisierung" verteidigt wurde. Zeigen ließen sie sich auch als Beleg für außereuropäische "Primitivität" und mithin die eigene Überlegenheit. Als Kriegsbeute erinnern sie zudem an Genozide, wie etwa jenem an den Herero aus Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, dem bis 1908 rund 100 000 Menschen zum Opfer fielen.

Gezeigt wird auch der aus einer Lebendabformung eines 20-jährigen "Ketten-Sträflings" entstandene Gipsabguss, die der Basler René La Roche zwischen 1905 und 1906 in Britisch-Ostafrika, dem heutigen Kenia, angefertigt hatte. Desgleichen finden sich menschliche Überreste, Schädel und Knochen in ethnologischen Sammlungen. Das Thema der Zurschaustellung wird deshalb diskutiert. Auch ist längst nicht immer genau belegt, woher die Ausstellungsstücke, die leicht zum Gruselkabinett werden können, genau stammen.

Maori-Kopf an Neuseeland zurück gegeben

So wurden etwa bemalte Schädel aus Papua-Neuguinea zur Ehrung von tätowierten Toten angefertigt. Sie waren aber auch beliebte Handelsobjekte. Es sei deshalb mindestens anzunehmen, dass Menschen eigens der Schädel wegen ermordet wurden, so Schmid.

Mögliche Rückforderungen und Rückgaben sind ein anderes Thema. Hier ist die Provenienzforschung – also Herkunftsforschung – von Bedeutung. Oft ist nur bekannt, durch wen ein Objekt in die Sammlung kam. Wie es aber in dessen Besitz gelangte, dazu fehlten oft Angaben in der Dokumentation, erklärt die Direktorin.

Erst einmal in den dreizehn Jahren, die seit ihrem Amtsantritt 2006 vergangen sind, wurde ein Maori-Kopf an Neuseeland zurückgegeben. Es sei in dieser Zeit aber auch das erste und einzige Mal gewesen, dass eine Restitution gefordert wurde. Damals wurden von dem Schädel vor der Rückgabe Abgüsse hergestellt. Auch von einer solchen Praxis nehme man heute Abstand, erklärt Schmid.

Einen eigenen Raum hat die Ausstellung Exponaten gewidmet, die so lange als schön anzusehen waren, wie man nicht um die weiteren Hintergründe wüsste. Zum Thema Elfenbein, das in vielfacher Ausfertigung vom Schirmstock bis hin zu Spielfiguren, muss an dieser Stelle nichts mehr gesagt werden. Auch Vogelfedern, ob von Paradies- oder Eisvögeln, wurden in solchen Mengen zu Mode- und Schmuckzwecken verwendet, dass die Tiere zeitweise fast ausgerottet worden wären. Ausgerechnet einem deutschen Großwildjäger, der hier plötzlich eine neue Perspektive einnimmt, stieß das auf. Vom Schrei aus "Millionen gemordeten Vogelkehlen" spricht der in der Ausstellung zitierte Carl Georg Schillings (1865-1921) und fordert den Schutz der "aussterbenden, der Vernichtung durch den Federhandel geweihten Artgenossen".
Wissensdrang trifft Sammelwut Museum der Kulturen Basel, Montag bis Freitag 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr (bis 19. Januar). Mehr unter: http://www.mkb.ch