Forstwissenschaft

Wieder wirkliche Wildnis im Wald? Freiburger Forscher arbeiten daran

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 25. August 2019 um 17:47 Uhr

Bildung & Wissen

Der Sonntag Lassen sich Wälder dem menschlichen Einfluss wieder entziehen? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler in Freiburg. Ihr Ziel klingt exotisch: Urwald in Deutschland.

Der Urwald, das ist in Deutschland vor allem eine Angelegenheit von Literatur und Film. Er ist das Refugium von Tarzan und bildet die Schauplätze des Dschungelbuchs, vielleicht landet er über den Bildschirm oder eine Ausgabe von Geo Special in unseren Wohnzimmern. Draußen vor der Tür findet man ihn nicht – in Deutschland gibt es es praktisch keinen Meter Natur, in die der Mensch nicht eingreift.

"Der Ansatz, den in Deutschland auch die Nationalparks haben." Sebastian Brackhane
Aber das soll sich mittelfristig ändern. In ihrer Biodiversitäts-Strategie formulierte die Bundesregierung im Jahr 2007 das Ziel, bis 2020 wenigstens zwei Prozent der Landfläche in größeren, zusammenhängenden Gebieten wieder zu Wildnis werden zu lassen. Zeitlich ist das nicht zu schaffen, das steht bereits fest. Aber Sebastian Brackhane hat als Doktorand an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Uni Freiburg an einer Studie gearbeitet, die zeigt, wo und wie das Ziel erreicht werden könnte.

Wenn alte Bäume und viel Totholz prägen das Bild prägen

"Wildnis im deutschen Kontext heißt Prozessschutz", sagt Brackhane. "Das bedeutet: Der Mensch zieht sich aus diesen Gebieten weitgehend zurück und überlässt die natürlichen Prozesse sich selbst." Es wird keine Forstwirtschaft mehr betrieben und Jagd höchstens ganz beschränkt, die Natur kann sich unkontrolliert und ungestört entwickeln. Mächtige, alte Bäume und viel Totholz prägen das Bild, die Wälder sind artenreich und dienen als leistungsfähige CO2-Speicher. "Der Ansatz, den in Deutschland auch die Nationalparks haben", so Brackhane.

Doch wo kann sich das Ziel außerhalb existierender Parks verwirklichen lassen? Die Vorgabe lautet, dass solche Gebiete mindestens 1 000 Hektar groß und nicht von menschlichen Einflussräumen wie beispielsweise Straßen durchschnitten sein sollen. Brackhane und seine Mitstreiter gingen an die Arbeit, und das vorrangig am Computer. "Wir haben anhand von Geoinformationssystemen untersucht, auf welche Gebiete diese Kriterien zutreffen", sagt Brackhane. Wo also zusammenhängende Areale mit genannten Mindestgrößen liegen, die genügen Abstand zu Siedlungen und Verkehrswegen haben und weitgehend unberührt sind von "Lichtverschmutzung" durch die fast allgegenwärtige künstliche Beleuchtung von Straßen, Städten oder Gewerbeanlagen. Im zersiedelten und von einem dichten Straßennetz durchzogenen Deutschland keine einfache Aufgabe.

Ehemaligen Truppenübungsplätze aus DDR-Zeiten bieten Möglichkeiten

Das Ergebnis: Auf 10,3 Prozent der Fläche der Republik ließen sich solche Gebiete ausweisen, wenn man die reine Waldfläche betrachtet und beispielsweise Besitzverhältnisse außer Acht lässt. Möchte man gar 10.000 Hektar Wildnis haben, reduziert sich die potenzielle Fläche bereits auf 0,6 Prozent und vor allem auf Gebiete im Osten der Republik. Dort sind die Voraussetzungen am besten, mit großen Wäldern und zahlreichen Konversionsflächen wie ehemaligen Truppenübungsplätzen aus DDR-Zeiten, die meist auch im Staatsbesitz sind.

Sich auf den Osten zu konzentrieren, wäre allerdings sowohl ökologisch als auch politisch falsch. "Man strebt schon an, das repräsentativ auf alle Bundesländer zu verteilen", sagt Brackhane. Wie urwaldfähig ist also der Schwarzwald? "Die Kriterien wären eigentlich auf vielen Flächen erfüllt. Wenn man sich aber die Besitzstruktur anschaut, reduziert sich das Potenzial gleich um 64 Prozent." Denn der Schwarzwald ist kleinteilig zersplittert in staatliche und private Besitztümer. "Wäre das alles Staatswald, dann wäre es kein Problem."

Ein Wald wird stillgelegt

Parallel verfolgen die Länder auch die Strategie, zehn Prozent des zertifizierten Staatswaldes "stillzulegen", also aus der Bewirtschaftung herauszunehmen. Inwieweit das das Wildnis-Programm ergänzt oder Redundanz schafft, ist Gegenstand langer wissenschaftlicher Debatten. "Im Augenblick liegen wir in Baden-Württemberg bei ungefähr 6,8 Prozent", sagt Konstantin von Teuffel, Leiter der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg. Für die Wissenschaftler sei dabei wichtig, dass die Stilllegung verschiedenen Ökosysteme und verschiedenen Arten gleichsam zugute kommt. "Wir achten darauf, dass die Auswahl der stillgelegten Flächen repräsentativ ist", sagt von Teuffel.

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