Unibibliothek

Warum es am Donnerstag in der Unibibliothek eine Tagebuch-Lesung gibt

Saskia Burkart

Von Saskia Burkart

Mi, 29. Januar 2020 um 09:17 Uhr

Freiburg

Jutta Jäger-Schenk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Tagebuch Archiv (DTA) in Emmendingen. In "Zeitreise-Lesungen" gibt sie jährlich in Freiburg eine Kostprobe aus den Fundstücken.

BZ: Wenn Sie ein Beispiel aus den vielen Geschichten, die Sie kennen, erzählen sollten – was wäre das?

Jäger-Schenk: Vielleicht: Eine Frau musste in ihrem Leben viele Rückschläge erleiden, hat sich aber immer wieder hochgekämpft. Nach ihren jungen Jahren, die durch Flucht geprägt waren, hat sie ein neues Leben als Farmbesitzerin in Simbabwe begonnen – jedoch ohne Erfolg. Sie entschied sich, nach London zu ziehen. Als ihr Mann gestorben war, wagte sie nach 50 Jahren in England einen Neuanfang in Deutschland. Heute führt sie mit 92 Jahren ein zufriedenes Leben in Freiburg.

BZ: Was ist das Faszinierende an den Zeitzeugnissen von unbekannten Personen?

Jäger-Schenk: Die Dokumente machen Geschichte lebendig. Wer zuhört, bekommt einen Eindruck, was jemanden in der Vergangenheit wirklich bewegt hat. So kann man sich der Geschichte ganz einfach nähern. Von vielen wird Geschichtsunterricht ja als etwas Langweiliges empfunden, aber die Erinnerungen der Zeitzeugen machen das Fach authentisch. Deshalb sind auch junge Menschen bei den Zeitreise-Lesungen im Publikum zu finden.

BZ: Am 30. Januar werden vor allem Geschichten von Menschen vorgetragen, die in den 1920er geboren wurden. Was ist an dieser Generation so interessant?

Jäger-Schenk: Menschen, die in diesem Jahrzehnt geboren wurden, haben traumatische Einschnitte wie Flucht und Krieg erlebt. Trotzdem konnten viele ihrem Leben eine positive Wendung geben. Die Idee für die Lesung entstand durch das Buch "Broken Lifes" (Zerbrochene Leben) des deutsch-amerikanischen Autors Konrad Jarausch. Für das Werk hat er in unserem Archiv recherchiert. Zwölf Autobiographien von Menschen aus der Weimarer Republik hat er als Quellen benutzt. Das haben wir dann zum Anlass genommen, weitere Geschichten über die 1920er-Generation aus unserem Archiv herauszusuchen.
Jutta Jäger-Schenk, 50, ist studierte Volkskundlerin und seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Tagebucharchivs. Infos zur "Zeitreise-Lesung" in Freiburg unter http://mehr.bz/zeitreiselesung.