"Warum tun wir es nicht einfach?"

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

Di, 16. März 2021

Literatur & Vorträge

BUCH IN DER DISKUSSION: Die Theologin Philippa Rath lässt 150 Frauen von ihrer Berufung zur Diakonin und Priesterin berichten.

Es war Ende 2019, zu Beginn des Synodalen Weges, des gemeinsamen Reformprozesses von katholischen Bischöfen und Laien in Deutschland, mit dem sich die Kirche nach dem Missbrauchskandal für die Zukunft neu ausrichten will. Immer wieder hörte die Theologin und Ordensschwester Philippa Rath, Delegierte im Synodalforum "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche", dort Bischöfe sagen, "dass es doch in Wahrheit eigentlich wohl nur ganz wenige berufene Frauen gebe". Für ihre Zulassung zur Priesterweihe bestehe daher kein Bedarf. "Dem zu widersprechen und den Gegenbeweis anzutreten, war mein Ziel", schreibt Rath nun als Herausgeberin des Buches "Weil Gott es so will", in dem 150 Frauen von ihrer inneren Gewissheit berichteten, zur Priesterin berufen zu sein.

Um für die Diskussion im Synodalforum einige Aussagen von Betroffenen zusammenzustellen, hatte Philippa Rath zwölf Frauen angeschrieben, von denen sie wusste, dass sie ein Berufungserlebnis gehabt hatten. Statt der erwarteten zwölf erreichten sie binnen fünf Wochen allerdings jene 150 Zeugnisse. Es sind Frauen aus vier Generationen, die hier persönlich und bewegend berichten, welchen Schmerz es für sie bedeutet, dem Ruf nicht folgen zu dürfen. Viele haben resigniert, andere hoffen noch, einige haben dieser Kirche den Rücken gekehrt und ein paar wenige ließen sich trotz Verbots weihen und wurden exkommuniziert. Durch ihre Lebensgeschichten geben sie Einblick in eine Welt, deren Gesetze und Gewissheiten in der heutigen Zeit seltsam anmuten.

"Ich taufte meine Puppen und spendete dem Teddy die Krankensalbung. Als ich älter wurde, zelebrierte ich mit Mamas Backoblaten und Papas Schott (das von Pater Anselm Schott herausgegebene Messbuch der katholischen Kirche – d. Red.)", schildert eine Frau die frühe Faszination für das Priestertum. Als Mädchen durfte sie nicht Ministrantin werden, später studierte sie Theologie und arbeitet heute in einem Bildungshaus. Dort gehört es zu ihren Aufgaben, die Predigten für die Sonntagsmesse zu schreiben. "Dass ich meine eigenen Predigten nicht selber halten, aber ein geweihter Mann sie ablesen darf, finde ich abstrus", schreibt sie.

Die Unterstellung, dass es bei der Forderung nach der Priesterweihe für alle Berufenen nur um den "Machthunger aufmüpfiger Frauen" gehe oder eine "Anpassung an den Zeitgeist" weist Rath zurück. Als Beleg zitiert die Benediktinerin Aussagen von Teresa von Ávila, Thérèse von Lisieux und Edith Stein, die offiziell heilig gesprochen wurden. "Dogmatisch scheint mir nichts im Wege zu stehen, was es der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen", meinte etwa die 1942 in Auschwitz ermordete Philosophin Stein zum Priestertum der Frau.

Das sehen die Konservativen unter den deutschen Bischöfen und Laien freilich anders. So verweisen der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer regelmäßig auf das apostolische Schreiben "Ordinatio sacerdotalis" von 1994, wonach "die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden". Damit wolle er, so Papst Johannes Paul II., diese Diskussion "endgültig" beenden.

Damals habe sie gemerkt, "dass ich in Gefahr war zu verbittern", berichtet die 1971 geborene Barbara Audebert, die heute als Schulpsychologin in Bayern arbeitet. "Weder theologisch noch spirituell verstand ich die Argumente, dass das Mann-Sein die notwendige Zugangsvoraussetzung sein soll für den priesterlichen Dienst." Erst in einer Therapie verstand sie, "dass es krank ist und krank macht, (...) Berufung nicht leben zu dürfen", so Audebert.

Viele der Frauen, die innerhalb der Kirche beschäftigt sind, berichten, wie oft sie von weiblichen Gemeindemitgliedern gefragt werden, ob sie bei ihnen beichten dürfen, "weil es sich von Frau zu Frau leichter spricht", und wie groß ihr Wunsch ist, Kinder zu taufen, den Segen zu sprechen oder die Eucharistie zu feiern. Sie wolle katholisch bleiben, "doch nicht ohne die Freiheit, die uns als Menschen zukommt", schreibt die 1982 geborene Ordensfrau Lydia Schulte-Sutrum. Mittlerweile frage sie sich mit Blick auf die Priesterinnenweihe: "Warum tun wir es nicht einfach?"

Gerne hätte man mehr über die Frauen erfahren. Das Register am Ende des Buches nennt immerhin das Alter und die Ausbildung oder Tätigkeit – sofern die Betreffende mit Namen auftritt. 26 der Frauen wagten es nur anonym, sich zu äußern.