75 Jahre Kriegsende

Wie ein Lörracher Ortsteil die französische Besetzung zum Kriegsende erlebte

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Di, 31. März 2020 um 15:34 Uhr

Südwest

BZ-Plus Tage der Abrechnung und Befreiung: 1945 marschierten die Franzosen ein. Dorfbewohner, Nazis und Verfolgte im Lörracher Ortsteil Hauingen erlebten das Ende des Zweiten Weltkriegs unterschiedlich.

Mutter erinnert sich noch gut an den Einmarsch der Franzosen. An jenem 24. April 1945 saß Georg Herter, der im Haus ihrer Familie eine kleine Wohnung gemietet hatte, mit einem Fernglas am Fenster, beobachtete die Straße, die von Westen her nach Hauingen bei Lörrach führt. Irgendwann tauchte Georg Herter in der Wohnung ihrer Eltern auf. "Frau Panzer, die Franzosen kommen, hängen Sie die weiße Fahne raus", rief er ihrer Mutter mit erregter Stimme zu. Diese Sätze prägten sich ein ins Gedächtnis der kleinen Anneliese, damals sechs Jahre alt. Bis heute hat sie sie unzählige Male wiederholt. "Herr Herter war ein feiner Mann", sagt Anneliese Rösch, geborene Panzer, heute. "Das hat meine Mutti immer gesagt."

Eine ihrer Cousinen, die mit ihrer Familie im selben Haus wohnte, Elsa Lian, hat noch ganz andere Erinnerungen an diesen Tag. Und an Georg Herter. Sie war damals 14 Jahre alt und erlebte den Einmarsch der Franzosen viel bewusster. "Herr Herter war wie von Sinnen, als er die Franzosen entdeckt hat", berichtet sie. "So hatte ich ihn noch nie gesehen. Er schrie wie wahnsinnig vor Freude. Er machte uns ein bisschen Angst."
Teil 2 der BZ-Serie "75 Jahre Kriegsende": Die französischen Befreier trieb oft auch Rache an
Wer Georg Herters Geschichte kennt, kann sich ausmalen, warum er so von Sinnen war. Die Nazis verhafteten den Kommunisten 1944 bei seiner Arbeit in der Tuchfabrik in Lörrach. Er wurde in die Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, Dachau und Mauthausen gebracht, wie der Freiburger Historiker Robert Neisen berichtet, der im Auftrag der Stadt Lörrach die Geschichte der Ortsteile Hauingen, Haagen und Brombach im Nationalsozialismus aufarbeitet. "Meine Mutter hat Frau Herter damals gefragt: Wo ist denn Ihr Mann?", erzählt Anneliese Röschs Cousine. Doch die Frau habe nur gesagt: "Das darf ich Ihnen nicht sagen." Und auch daran erinnert die Cousine ...

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