Lieblingsgeschichten der BZ-Redaktion

Wie eine kleine Mail weit in die Vergangenheit und in die Ferne führt

Thomas Jäger

Von Thomas Jäger

So, 11. April 2021 um 17:33 Uhr

Freiburg

Eigentlich war es nur eine Höflichkeits-Antwort auf die Mail einer Leserin. Daraus entwickelte sich eine Geschichte, die Jahrzehnte in die Vergangenheit und tausende Kilometer in die Ferne führte.

Jeder Journalist und jede Journalistin träumt wahrscheinlich von der knallharten Undercover-Recherche, die den Skandal schlechthin aufdeckt. Okay, und jetzt das wahre Leben. Da läuft’s eher drei Nummern kleiner. Und trotzdem gibt es regelmäßig Highlights, die im Gedächtnis bleiben. Eins davon ist für mich dieses:

Auf einer Leserbriefseite hatten wir im Dezember 2020 ein stimmungsvolles Leserfoto vom "Türmle" auf dem Lehener Bergle. Über den kleinen Turm im Besitz des Herder-Verlages und über die Renovierungsanstrengungen eines örtlichen Vereins hatten wir schon mehrfach berichtet. Auserzählt.

Dann landete ein paar Tage später eine sehr knappe Reaktion einer Leserin per E-Mail bei mir: "Überraschend sehe ich das Türmle, in dem meine Familie ein paar Jahre nach Kriegsende wohnen konnte. Ich kann Ihnen auch ein Foto senden, falls Interesse besteht." Mein erster Impuls: Danke, nein, wir hatten doch gerade gerade erst ein Türmle-Bild im Blatt. Aber: Wenn eine Leserin sich so über ein Solobild freut, dass sie extra die Redaktion kontaktiert, soll sie wenigstens eine Rückmeldung erhalten. Also nett geantwortet, für die Mail bedankt, gefragt, so sie nun wohnt und was es damals mit dem Türmle auf sich hatte.

Die mittlerweile 79-jährige Leserin verfolgt die Berichterstattung der BZ aus dem US-Bundesstaat Ohio

Doch Sieglinde Treichel ist nicht vom Türmle ins Ortszentrum von Lehen oder etwa nach Umkirch gezogen. Nur Stunden später geht ihre nächste E-Mail ein, auf die Reise geschickt in Wadsworth im US-Bundesstaat Ohio, von wo aus die mittlerweile 79-Jährige die BZ-Berichterstattung aus rund 7000 Kilometern Entfernung regelmäßig online verfolgt. Ein angeregter Mailverkehr, der sich über rund eine Woche erstreckt, ergibt die ganze Geschichte: Sie handelt von der kleinen Sieglinde, die aus Oberschlesien stammt, wie sie und ihre Familie nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge in Freiburg landeten und für drei Jahre unter teils abenteuerlichen Bedingungen im gar nicht dafür gedachten Türmle wohnten. Es geht auch um ihren weiteren Lebensweg, der in die USA, dann zurück nach Deutschland, dann wieder in die USA führte. Sieglinde Treichel antwortet gerne gegen Mittag, da ist es bei mir nicht mehr lang bis zum abendlichen Andruck. Immer präzise, in perfektem Deutsch, sie schickt Fotos von damals mit, auch ein neues von sich und ihrem Mann.

Letztlich entsteht daraus eine Aufmachergeschichte auf der Freiburger "Stadtteile"-Seite, die Sieglinde Treichel sich sofort online anschaut. "Habe gerade Ihren Artikel genossen – Sie haben alles herrlich beschrieben", kommentiert sie. Es muss nicht immer die große Undercover-Recherche sein. Dear Sieglinde, you made my day!

Zur Geschichte:
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