Geschichte

Wie Kurt Eisners Familie Zuflucht in der Ortenau suchte

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Mo, 11. Februar 2019 um 19:47 Uhr

Südwest

BZ-Plus Er war der Vater des Freistaats Bayern: Kurt Eisner. Als ein Rechtsextremist ihn 1919 in München erschießt, sucht seine Familie Zuflucht in der Ortenau. Doch auch dort sieht sie sich isoliert und angefeindet.

Die Mauer steht noch. Fünf Meter hoch aus großen Sandsteinblöcken stützt sie den Hang zur Straße wie auch zu dem Fußweg ab, der hinaufführt auf den Hausberg von Gengenbach, zur Jakobskapelle. Auch die Treppe an der Schmalseite ist noch da, 88 Stufen verbinden die Spitzkehre einer Serpentine mit der nächsten Querstraße. Hier wird die Mauer niedriger, Stufe 36 ist zu einer kleinen Plattform gedehnt, ein Türrahmen zeichnet sich zwischen den Sandsteinblöcken ab. Doch der Durchgang zu dem dahinter liegenden Grundstück ist zugemauert. Vor allem aber fehlt das kleine schwarze Schild, das einst rechts neben dieser Tür hing: "Zum Gedenken an Kurt Eisner, Ministerpräsident von Bayern, ermordet am 21. Februar 1919".

"Irgendwann war es verschwunden", sagt Gerhard Lehmann. Als er das Grundstück und das Haus 1977 kaufte, war die bescheidene Gedenktafel noch da, an der Spaziergänger und Jakobspilger meist achtlos vorbeigingen. Als Lehmann, Architekt und neuer Besitzer, den Neubau für seine Familie fertig geplant hatte und ans Werk ging, also das alte Wohnhaus abreißen ließ, war das kleine schwarze Schild abmontiert. "Ich hätte es gerne hängen lassen", versichert Lehmann. Denn die kleine Tafel erzählte eine gleichermaßen facettenreiche wie tragische Geschichte.

Allein der Name Eisner machte die Familie 1933 zu Feinden der neuen Machthaber
Kurt Eisner hat es nicht leicht mit dem Gedenken, in München nicht, wo er erschossen wurde – und wo erst seit wenigen Jahren am Hotel Bayerischer Hof, dem ehemaligen Monteglas-Palais, eine im Gehweg verlegte Stahlplatte mit den Umrissen eines am Boden liegenden Menschen an den Tatort erinnert – eine Art Stolperstein. Und auch hier nicht in Gengenbach, wohin seine Witwe Else mit den beiden Töchtern Freia und Ruth, zwölf und zehn Jahre jung, nach dem Mordanschlag geflohen waren, wie Frank Flechtmann 1992 in der Zeitschrift Die Ortenau nachzeichnete.

Ein Jahr lang waren sie von hier nach da gezogen, fanden Unterschlupf bei Freunden. Dann kaufte Elses Vater Joseph Belli das Haus in Gengenbach, das der Straßburger Architekt Josef Müller 1904 mit Anklängen an den Jugendstil für sich als Wochenenddomizil errichtet hatte. Der Offenburger Belli war als Organisator der "roten Feldpost", des Schmuggels der Parteizeitung Der Sozialdemokrat aus der Schweiz nach Deutschland in der Zeit der Sozialistengesetze bekannt. Hier wollten die Tochter und ihre Familie zur Ruhe kommen.

Dreizehn Jahre nach dem ...

BZ-Plus-Artikel

Einfach registrieren und Sie können pro Monat 5 Artikel kostenlos lesen - inklusive BZ-Plus-Artikel und BZ-Archiv-Artikel.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 5 Artikel pro Monat kostenlos
  • BZ-Plus-Artikel lesen
  • Online-Zugriff auf BZ-Archiv-Artikel
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat
  • An 18 Standorten in Südbaden – von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten
  • Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.
  • Komfortable Anzeigenaufgabe und -verwaltung
  • Weitere Dienste wie z.B. Nutzung der Kommentarfunktion
  • Zugang zu mehreren Portalen der bz.medien: badische-zeitung.de, fudder.de und schnapp.de

* Pflichtfelder

Anmeldung

* Pflichtfelder

Meine BZ