Buchbranche

Wie sich die Insolvenz des Großhändlers auf die Buchläden auswirkt

Joachim Schneider, Daniel Gramespacher, Ralf Burgmaier

Von Joachim Schneider, Daniel Gramespacher & Ralf Burgmaier

Mi, 20. Februar 2019 um 20:12 Uhr

Literatur & Vorträge

Nun hoffen alle auf einen Investor: Buchhändler in der Region reagieren unterschiedlich auf die Pleite des Stuttgarter Großhändlers Koch, Neff und Volckmar.

Der Aufschrei in der Branche ist groß, doch für den Kunden ist es bisher kaum zu spüren, dass Deutschlands größter Vertrieb für Bücher in die Insolvenz gegangen ist. "Wir sind aktuell nicht betroffen", sagt Gerhard Frey von der Jos-Fritz-Buchhandlung in Freiburg, "der Konkursverwalter hat gleich das Okay gegeben, das Barsortiment läuft weiter – wie vor der Insolvenzsituation." Christa Peiseler, Inhaberin der Buchhandlung Akzente in Offenburg hat den ersten Schock ebenfalls verdaut: "Ich werde ausschließlich von KNV bedient, entsprechend war ich geschockt. Zwar läuft das Geschäft aktuell zu 90 Prozent normal, aber es gibt Verlage, die nicht mehr an KNV liefern, weil sie ihr Geld für Dezember nicht bekommen haben."

Betroffen sind offenbar vor allem Verlage, die auf ihre Außenstände vom Weihnachtsgeschäft warten. Wie viel kann davon beglichen werden? Die Insolvenz des größten deutschen Großbuchhändlers ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle Frage. "Wie wird mit den Schulden der alten Gesellschaft umgegangen?", fragt sich Gerhard Frey. Gerade die kleinen Verlage sind auf jeden Cent angewiesen. Sie fördern die Vielfalt und das Unkonventionelle in der Literatur, wovon wieder der Händler, der seine Kunden persönlich kennt, profitiert. Davon lebt der Einzelhandel, trotzdem muss er genauso schnell sein wie reine Internet-Anbieter.

Schnelle Lösung erwünscht

Alle Buchhandlungen brauchen den Zwischenbuchhandel. Gerhard Frey sieht eine erfreuliche Tendenz darin, dass in den vergangenen Jahren immer mehr kleine Verlage in das KNV-Barsortiment gerutscht sind, also auch deren Programm schnell lieferbar ist. Von dieser Lebendigkeit profitierten alle – Buchhändler, Kunden, große Verlage. Giso Oertel, Geschäftsführer der Freiburger Buchhandlung Rombach, hat bisher keine Lieferschwierigkeiten feststellen müssen, zumal Rombach auch direkt mit Verlagen und anderen Großhändlern zusammenarbeitet. Trotzdem: "Wir wünschen eine schnelle Lösung, damit auch die Kollegen wissen, wie es weitergeht. Im Buchhandel kennt ja jeder jeden."

Doch es geht neben der Größe des Sortiments vor allem auch um die Geschwindigkeit: "Der Kunde hat sich seit Anfang der 90er Jahre an die Übernachtlieferung gewöhnt. Und in der Konkurrenzsituation muss man unter ähnlichen Voraussetzungen arbeiten können." Sagt der Freiburger Frey. In Offenburg verhält es sich nicht anders. Christa Peiseler sieht auch die Konkurrenz im Internet: "Aber bei den fehlenden zehn Prozent der Bücher, die ich nicht von KNV bekomme, muss ich auf Verlagsbestellung setzen, auch wenn es dann zwei bis drei Tage länger dauert. Prinzipiell stellt sich für mich dann wieder die Frage: Muss ein Buch tatsächlich am nächsten Tag geliefert sein? Aber da ist natürlich der Amazon-Druck dahinter. Und da bin ich als kleine Buchhandlung dann doch auf schnelle Lieferung angewiesen."

Sollten sich Buchhändler und Verlage am Vertrieb beteiligen?

Mechthild Stephani, Filialleiterin von Thalia/Herder in Freiburg, kennt KNV seit ihren Anfängen im Buchhandel. "Schon seit 1985 gab es im Ruhrgebiet die Übernachtlieferung, und manchmal kam das bestellte Buch noch am selben Tag. Damals war ich noch selbstständig. Dieses Jahr waren wir sehr froh darüber, dass der Vertrieb im Weihnachtsgeschäft so gut lief. Ich hoffe, es findet sich ein Investor, vielleicht unter den großen Verlagen."

Darin sind sich alle einig: Die Buchbranche wird nach der KNV-Rettung oder Neugründung nicht mehr dieselbe sein. Doch wie kann es weitergehen? Gerhard Frey von Jos Fritz findet die Überlegung charmant, dass sich Buchhandlungen und Verlage an einer möglichen neuen Vertriebsgesellschaft beteiligen und einen Blick darauf haben, dass es funktioniert. Michael Schwarz, Inhaber der gleichnamigen Freiburger Buchhandlung, fragte sich schon vor dem Umzug des Logistik-Unternehmens nach Erfurt, ob das gut gehen könne. Für ihn ist es auch eine ethische Frage, ob die "totale Optimierung" überhaupt wünschenswert sei, da die Mitarbeiter Abstriche machen müssten, was zum Beispiel die Entlohnung angehe.

Obwohl er nicht direkt von der Insolvenz von KNV betroffen ist – vor fünf Jahren hat er seinen Barsortiment-Anbieter gewechselt – sieht er große Probleme auf die Branche zukommen, zumal das Buch ohnehin in einer Krise steckte. Schwarz: "Es wird noch etlichen Buchhandlungen und kleinen Verlagen bis Ende des Jahres das Genick brechen".

Vieles ist nicht zu bekommen

Irimbert Kastl, Inhaber der Lörracher Buchhandlung Kastl, sieht das ähnlich, zeigt sich aber optimistisch. Die Katastrophe wolle ja niemand: "Dass der größte Großhändler große Schwierigkeiten hat, trifft die gesamte Branche. Das wird sich herunterbrechen bis zu kleinen Buchhandlungen, die verzögert beliefert werden. Denn deren Großhändler hat selbst bestimmte Titel nicht mehr vorrätig, weil er nicht beliefert wird. Es ist zu hoffen, dass der Zustand nicht lange anhält. Bei uns macht sich die Insolvenz schon sehr bemerkbar. Vieles ist nicht zu bekommen. Wir müssen den Kunden einfach sagen: Das dauert. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Lage zeitnah verbessert. Wenn das nicht passiert, würde das einen Erdrutsch auslösen; was das bedeuten würde, mag sich niemand wirklich vorstellen."