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Christine Lagarde führt die EZB mit Charme und Offenheit

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Fr, 30. Oktober 2020 um 17:03 Uhr

Wirtschaft

Christine Lagarde ist seit einem Jahr Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Unter ihrer Führung rückte die EZB näher an die Bürger heran. Es gibt viele lobende Worte für die 64-jährige Französin.

Acht Jahre war Mario Draghi Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach seinem Abgang aus Frankfurt sind drei berühmte Worte geblieben: "Whatever it takes" – Was immer nötig ist. Mit denen hat er die Eurozone vor dem Zusammenbruch gerettet. Er hat Negativzinsen eingeführt und ein billionenschweres Programm zum Kauf von Staats- und öffentlichen Anleihen der Euro-Länder auf den Weg gebracht.

Vor einem Jahr hat der Italiener den Stab an Christine Lagarde übergeben. Sie führt die EZB mit Charme, Offenheit und der Fähigkeit zuzuhören. Eigenschaften, die Draghi vermissen ließ. Ein Jahr danach gibt es viele lobende Worte für die 64-jährige Französin. Allerdings steht ihre wirkliche Bewährungsprobe als Geldpolitikerin noch aus – denn die Corona-Pandemie hat auch die Arbeit der EZB massiv beeinflusst.

"Mario Draghi hatte seinen eigenen Stil, ich werde meinen Stil haben", hatte Lagarde kurz vor ihrem Amtsantritt gesagt. Der zeichnet sich nun unter anderem dadurch aus, dass sie in Frankfurt präsent ist. Nicht nur in Bankenkreisen. Draghi weilte in seiner Zeit als Präsident mutmaßlich mehr in seiner Heimatstadt Rom als in Frankfurt.

Lagarde tut der EZB und der Stimmung in ihren Frankfurter Doppeltürmen gut. Der Euro sei die Währung der Menschen, diese stünden im Mittelpunkt der Arbeit der EZB, sagt sie. Die rund 3500 Beschäftigten in der Notenbank schätzen die neue Atmosphäre. "Ich sage Ihnen, wenn ich etwas nicht weiß", sagt sie, als sie nach der ersten von ihr geleiteten Sitzung des EZB-Rates der Presse die Ergebnisse erläutert. "Ich bin kein Falke und keine Taube", also weder eine Vertreterin einer harten noch einer lockeren Geldpolitik, "ich bin eine Eule." Der werden sehr gutes Sehvermögen und Gehör nachgesagt.

Da ahnt sie nicht, dass ihr erstes Jahr an der Spitze ganz anders verlaufen wird als geplant. Corona zwingt sie, die angekündigte Überprüfung der EZB-Strategie zu verschieben, auch was den Klimawandel betrifft, den in ihren Augen auch eine Notenbank nicht außer Acht lassen kann. Lagarde wird zu einer der wichtigsten Krisenmanagerinnen in Europa. Die EZB schnürt ein beispielloses Hilfspaket: das 750 Milliarden Euro schwere Pandemie-Anleihekaufprogramm PEPP – Pandemic Emergency Purchase Programme. Es soll eine Rezession verhindern, Banken zur Vergabe von Krediten und zur Unterstützung von Unternehmen veranlassen. "Außerordentliche Zeiten erfordern außerordentliche Maßnahmen", sagt die frühere französische Finanzministerin und Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Sieben Monate später ist klar: Lagarde hat vieles richtig gemacht. Die Wirtschaft im Euroraum hat zwar im zweiten Quartal einen beispiellosen Einbruch hinnehmen müssen, aber im Sommer hat sich die Lage stabilisiert.

Wohltuend sei ihr Stil, heißt es auch bei Volkswirten. Sie gehe souverän mit der Krise um, sagt Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts. Sie habe ihre Aufgabe bisher hervorragend erfüllt, betont Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Andere sind skeptischer. Der wirkliche Test für Lagarde komme erst nach der Krise. Wieder andere halten Lagarde für eine Fehlbesetzung. Sie instrumentalisiere die EZB für politische Ziele.

Lagarde ist Juristin, keine Ökonomin. Aber sie hat ausgewiesene Expertise an ihrer Seite, unter anderen mit dem irischen Chef-Volkswirt Philip Lane und mit Isabel Schnabel, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrates.

Deutliche Kritik kam im Sommer vom Bundesverfassungsgericht: Die EZB achte zu wenig auf die Nebenwirkungen ihrer Politik, überschreite ihre Kompetenzen. Die Richter drohen, der Bundesbank die Teilnahme an den Anleihekäufen zu verbieten. Lagarde erläutert dem Bundestag ihre Politik, stellt Dokumente öffentlich bereit, die belegen sollten, dass man Nebenwirkungen im Blick hat.

Inzwischen hat sie die im Frühjahr gestoppte Debatte über die Strategie wieder aufgenommen. 17 Jahre hat die Notenbank ihre Strategie nicht mehr überprüft. "Wir wollen hören, was die Menschen von uns erwarten", sagt sie. Es ist keine Floskel. Mitte Oktober diskutierte sie mit Vertretern der Zivilgesellschaft. Die äußern viel Kritik, loben aber die Offenheit der Notenbank. Ein Ziel hat Lagarde erreicht: Die Notenbank ist ein Stück näher an die Bürger herangerückt.