Das Verbindende in der Literatur in den Vordergrund gestellt

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Di, 04. Oktober 2022

Lörrach

Mit einer Lesung von Alain Claude Sulzer startete die Reihe Triregio-Autoren des Freundeskreises der Stadtbibliothek / Guter Zuspruch bei der Premiere.

Der Freundeskreis der Stadtbibliothek Lörrach eröffnete am Freitag seine Literaturreihe Triregio mit einer Lesung des Basler Autors Alain Claude Sulzer. Über die vielen Besucher, die die Ränge der Stadtbibliothek gut gefüllt hatten, zeigten sich Hannelore Rosskopf und Siegbert Knittel vom Freundeskreis hoch erfreut.

Die Lesereihe hat sich die besondere Situation hier am Rheinknie zum Thema gemacht. Drei Länder, zwei Sprachen treffen hier aufeinander. Aus jedem Land kommt ein Autor nach Lörrach, um aus seinem literarischen Werk zu lesen. Den Anfang machte der Schweizer Autor Alain Claude Sulzer. Er lebt in Berlin, in Basel und in Ferrette. Also ist er einer, der unterschiedliche Lebensräume kennt und liebt. Er liest aus seinem im August dieses Jahres erschienen Roman Doppelleben. Das Buch ist also brandneu. Sein Thema ist das 19. Jahrhundert. Genauer das Paris unter Napoleon III. Hier lebten die Brüder Goncourt, nach welchen auch der größte literarische Preis in Frankreich, der Prix Goncourt benannt ist. Sie leben ein symbiotisches Leben, in welchem sie nur zusammen auftreten. Zusammen verkehren die beiden Aristokraten in den besten Kreisen Paris‘, lernen dort zusammen all die illustren Zeitgenossen jener Epoche kennen, sie schreiben gemeinsam ein vielbändiges Tagebuch, das erst 2013 auf Deutsch erschienen ist. Das Leben der Brüder Goncourt ist also ein doppeltes. Der Titel des Buches bezieht sich auch auf ihre Haushälterin Rose, die von den Brüdern unbemerkt, ein Doppelleben führte und daran zugrunde ging. Was die Brüder allerdings erst nach ihrem Tod bemerkten. Alain Claude Sulzer beginnt seine Lesung mit dem Diner der beiden, die in vollendeter französischer Manier sich über den Genuss von Froschschenkeln austauschen, sie loben deren Fleischkonsistenz, knabbern an den zarten Knöchelchen, um sich dann gemeinsam an ihre ehemalige Köchin zu erinnern. In Wirklichkeit haben Edmond und Jules Goncourt ihrem Dienstmädchen Germinie einen Roman gewidmet, der als einer der ersten naturalistischen Romane Frankreichs gilt. Sulzer hat diese naturalistische Schreibweise übernommen und ihr gleichzeitig einen leisen eleganten Ton verliehen.

So dramatisch die Geschichte um die beiden Brüder und vor allem um Rose ist, nie verliert Alain Claude Sulzer seinen stilistisch sicheren Ausdruck. Es geht um Krankheit, um Tod, um Diebstahl, ein bisschen in Sepia, mit einer gewissen Distanz. Der Roman könnte zur Flucht aus der Jetzt-Zeit verhelfen, wenn er nicht eben jene Themen behandelte, die ständig um uns sind: Tod, Krankheit und die strengen Hierarchien der Gesellschaft.

Die Gäste genossen es, hinterher über das Buch zu reden. Man stand zusammen mit einem Glas Wein, verglich den Autor mit anderen, kommentierte das Vorgelesene und suchte nach Gleichgesinnten. Literatur verbindet, wie es schien, haben die Lörracher darauf gewartet.

In der Reihe Triregio-Autoren gibt es weitere Veranstaltungen: Freitag, 14. Oktober, 19.30 Uhr im Hebelsaal des Dreiländermuseums Pierre Kretz "Ich wart uf de Theo". Ein Monolog auf elsässisch; Freitag, 28. Oktober, 19.30 Uhr Café Miteinander im Familienzentrum, Baumgartnerstraße 33, Ulrike Blatter: "Töchter des Todes"