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Der Layback Workspace ist eine kreative Oase in St. Georgen

Martha Martin-Humpert

Von Martha Martin-Humpert

Di, 13. Oktober 2020 um 14:31 Uhr

Freiburg

Mitten im St. Georgener Industriegebiet liegt eine Oase kreativer Glückseligkeit: Der Layback Workspace. Dort gibt es selbstgemachtes Essen, Kaffee, Schmuck, Boards und vieles mehr. Ein Streifzug durch die frühere KFZ-Werkstatt.

Irgendwo im St. Georgener Industriegebiet, zwischen Europcar und Tierbedarf, liegt versteckt eine urbane Oase kreativer Glückseligkeit: der Layback Workspace. Früher mal KFZ-Betrieb, heute Heimat von rund zehn kreativen Köpfen aller Art, die sich und ihre Konzepte ausprobieren können. Ein Ort, an dem Arbeit neu gedacht und vor allem anders und entspannt gemacht wird.

Der Lavor Foodtruck ist das Zugpferd des Layback

Der beste Tag, um sich selbst ein Bild davon zu machen ist definitiv Freitag, denn dann sind Gaumenfreuden garantiert. Schon beim Betreten des Hofes fällt einem zuerst der mintgrüne Lavor Foodtruck ins Auge, vor dem sich teils noch hungrige, teils schon glücklich gesättigte Menschen bewegen. Was für ein herrliches Gewusel, Kids auf kleinen Bikes und Skateboards flitzen zwischen den Erwachsenen umher, die sich mit sichtlichem Genuss an den liebevoll angerichteten Speisen laben. Verantwortlich für die bunten Teller ist José Lavor, der aus dem Truck heraus mit den Gästen schäkert und singt, während er mit routinierten Handgriffen die bunten Zutaten auf den Platten anrichtet. "Das ist wieder so hammerlecker!" seufzt es zufrieden vom Nachbartisch und ja, das ist es. Aus frischen, regionalen und saisonalen Zutaten kreiert der gelernte Koch kleine kulinarische Wunderwerke wie ein Rote Beete Carpaccio, das nach feinem Räucherlachs schmeckt. Mit seiner herzlichen Art und seinem schmackhaften Essen ist Lavor sowas wie das Zugpferd des Layback, denn wer einmal für das gute Essen herkommt, bleibt gerne noch eine Weile im Hof sitzen oder schlendert noch in die Halle hinein.

Benannt ist der Arbeitsraum nach dem Layback Skateshop, der Kennern der lokalen Longboardkultur schon länger ein Begriff sein dürfte. Denn dort werden schon seit einigen Jahren präzise Bretter in der hauseigenen Manufaktur Hackbrett Longboards unters Volk und dessen Füße gebracht. Obwohl mit seinem Laden sehr erfolgreich, hatte Gründer Hartmut Olpp, von allen nur Hack gerufen, irgendwann einfach keine Lust mehr, sich den ständigen Anforderungen seiner Partner zu unterwerfen und beschloss kurzerhand, sich zu verkleinern und sich in den Nebenraum zurückzuziehen. "Damit man Zufriedenheit entwickeln kann, als Mensch."

Ein Freiraum, wie es in Freiburg nur wenige gibt

Die so freigewordene Halle sollte an Gleichgesinnte vermietet werden, die einen Raum für sich und ihre Arbeit suchen. Tatsächliche Anforderungen in der Auswahl der Bewerber gab es nicht, nur offen mussten sie sein, ein hohes Maß an Eigenverantwortung mitbringen und sich auf das Experiment einlassen. Denn: "Einen Plan gibt es nicht." Doch trotzdem tut sich ständig etwas, immer ist irgendwo Baustelle. Hack, eigentlich Kristallologe, aber auch als Downhillfahrer auf dem Asphalt unterwegs, packt an, wo er kann. DIY ist kein Trend, sondern eine "notwendige Handlungsalternative" damit die Ideen nach eigener Vorstellung umgesetzt werden können. Und das am liebsten nachhaltig und regional. Der Strom kommt von der genossenschaftlichen EWS, geheizt wird mit Pellets und auch die Solaranlage darf natürlich nicht fehlen.

Im Keller des Nachbarhauses ist eine Food Coop einquartiert, das Tor ist eigenhändig mit heimischem Fichtenholz beschlagen worden, der Skatebereich von Hand gegossen. Dort treffen Innovation, Tatendrang und Spaß am kreativen Abenteuer aufeinander und ermöglichen einen Freiraum, wie es in Freiburg nur wenige gibt.

Alle wollen aus dem Hamsterrad der modernen Verwertungsmaschinerie ausbrechen

Diese Offenheit zeigt sich auch in der Aufteilung: Die einzelnen Werkräume sind nicht durch Wände voneinander getrennt, sondern verteilen sich frei auf zwei Etagen. Die haben die Mieter sich mit ihren ganz unterschiedlichen Arbeitsgebieten eingerichtet, jeder hat seine eigene Nische gefunden. Ihnen allen ist jedoch eines gleich: Sie wollen weg von der klassischen Büroarbeit, von Nine to Five, aus dem Hamsterrad der modernen Verwertungsmaschinerie ausbrechen.

Eine von ihnen ist Lena Kaier, die sich mit ihren Stoffarbeiten irgendwo zwischen Kunst und Textildesign bewegt. Ihr liebevoll eingerichtetes Atelier unter der Decke leuchtet in matten Weißtönen, bunte Farbtupfer liefern die teils noch in der Entwurfsphase, teils fertigen Wollwerke an den Wänden. Hergestellt werden sie mit der Technik des Punch Needelings, das – für den Laien erklärt – so etwas wie großformatiges Sticken ist, oder auch "Malen mit Wolle". Von klein auf hat sie sich für textile Materialien begeistert und den Umgang mit Stoffen von ihrer Mutter gelernt, die ihr das Nähen beibrachte. In der Mitte des Raumes steht ein Rahmen, auf dem die gelernte Kunstpädagogin mit der Tufting Gun großflächige Arbeiten schaffen kann.
Rückblick: Layback ist schon wieder umgezogen: "Endlich haben wir genug Platz"

Tufting was? Eine Vorführung schafft Klarheit: mit dem pistolenartigen Gerät kann die Wolle direkt in den Stoff gestanzt werden, "das finden vor allem Männer ganz gut." Gerade arbeitet sie an einer Bankdecke für den Nachbarn vom Showroom, für eine solche Kundenanfrage braucht sie mehrere Stunden, je nach Format. Dabei können individuelle Wünsche wie Farben und so weiter eingearbeitet werden, jedes Stück ist für sich ein persönliches Unikat. Normalerweise bietet Lena ihre Arbeiten auch auf Messen an, aufgrund von Corona und den Ausfall der Großveranstaltungen ist die Zukunft gerade ungewiss. Doch durch die bisherigen Erfahrungen – der an der VHS angebotene Kurs lief bereits erfolgreich – kann sie auch bei den nächsten Workshoptagen im Herbst auf hieb- und stichfeste Begeisterung hoffen, denn ein Angebot wie ihres ist exklusiv in Freiburg.

Verena Marie Balschus macht Arbeiten im Sinne des feministischen Empowerments

Ebenfalls aus der Kunstpädagogik in den Workspace geslidet ist Verena Marie Balschus, die sich in ihrem Atelier und Kreativraum vor allem mit dem Thema der Weiblichkeit auseinandersetzt. Gebettet auf den charmanten Vintagemöbeln finden sich Darstellungen von Vulven aller Art, für die Personen ihres Umfeldes Fotomodell gestanden haben. Für die "Figurvulven" figuriert sie die Abzüge und arbeitet unterschiedliche Strukturen heraus. Bei ihren plastischen Konstruktionen werden Teile von Eierkartons, mit weißer Dispersionsfarbe überzogen, muschelartig zusammengefaltet und einzeln oder ineinander verschachtelt. So entstehen zwischen Figuration und Abstraktion oszillierende Arbeiten, die einen assoziativ-ästhetischen Zugang zum weiblichen Geschlechtsorgan ermöglichen. Reclaim your pussy im Sinne des feministischen Empowerments. Als besonderes Schmankerl durfte sie den Schornstein bemalen, eine farbenfrohe Vulva strahlt nun als eine Art Leuchtturm des Feminismus über den Dächern St. Georgens und soll den Weg leiten raus aus den patriarchalen Systemen.

Auch in weiblicher Hand ist die Töpferwerkstatt, die sich Olga Ballardt und Luzi Olpp teilen. Gemeinsam haben sie ihren Bereich aufgebaut und einen Raum geschaffen, in dem sich "Menschen verwirklichen können." Und das am liebsten mit den Händen, denn die beiden wissen aus ihren jeweiligen Berufsjahren als Grafikerinnen nur zu gut, wie sehr das dauerhafte Starren auf den Bildschirm innerhalb eines monotonen Büroalltags Augen und Seele ermüden können. Ihr Ziel ist es, Schritt für Schritt aus ihrem momentanen Beruf auszusteigen und sich vermehrt der schöpferischen Arbeit mit Ton zu widmen, Luzi betreibt zusätzlich noch das Design Label Studio Bloom, bei dem sie kleine, feine Handarbeiten vertreibt, ein "Schmucksammelsurium", wie sie es selbst nennt. In den Regalen kann man schon erste kleine Töpferarbeiten entdecken, der neue Brennofen ist also schon heißgelaufen und soll in Zukunft regelmäßig zum Einsatz kommen.

Wochenendworkshops in der Herbst-Winter-Saison

Neben einer offenen Töpferwerkstatt, die jeweils donnerstags und freitags von 17.30 bis 22 Uhr für alle Interessierten frei zu besuchen ist, bietet Olga unter dem Namen Ananda Keramik-Kurse an, bei denen man sein Wissen zu plastischer Gestaltung vertiefen kann. In der Herbst-Winter Saison sind außerdem Wochenendworkshops geplant, die kreative Auseinandersetzung mit dem Material in einer von freundschaftlichem Austausch und gegenseitiger Wertschätzung geprägten Atmosphäre bieten sollen. Man kann es sich gut vorstellen, das meditative Eintauchen in die Handwerkskunst bei leise murmelnden Gesprächen und warmem Tee, während draußen der frostige Winterwind an den hohen Toren rüttelt. Das schöne Wort Geborgenheit trifft ganz gut, was dieser Ort an entspannter Wärme ausstrahlt. Vielleicht, so überkommt einen kurz der Gedanke bei den Gesprächen, ist die Idee des konkurrenzbasierten Kapitalismus und die 40 Stunden Woche etwas schon eher männliches?

Wem jedoch so viel Grübelei, Rückzug in Einkehr und Besinnlichkeit zu ruhig ist, kann auch im Layback Workspace Herzrasen erleben – mit einem ordentlichen Kaffee. An seinem selbstdesignten Soon-Stand braut Richie Speciality Coffee, also nicht das standartisierte Einheitsgesöff aus dem schalen Pappbecher, sondern cremig-braunen Koffeingenuss. Und anders heißt: besser. Die Bohnen wählt er nach persönlichem Geschmack aus und steht dabei im Austausch mit lokalen Anbietern wie Elephant Beans oder den Günter Coffee Roasters. Ihm gefällt die unterschiedliche Dynamik zwischen den Mietern: "Manche sehen das mehr als Hobby, manche eher als Business, um Kunden zu empfangen." Das symbiotische Miteinander der verschiedenen Parteien hilft am Ende allen: die Rundumversorgung macht das Verweilen angenehm behaglich, immer wieder bleibt der Blick hängen und man ist versucht, das Gelände bis in den letzten Winkel zu erforschen, was der möglichen Kundschaft auch neue Kaufideen bringen kann. Die gute Bewirtung tut ihr übriges. Doch noch steht das gesamte Projekt am Anfang. Wie es in den nächsten Monaten weiterläuft, steht offen, erste Ideen für gemeinsame Veranstaltungen der Mietergemeinschaft stehen schon. So schwirren Vorschläge von einem Filmfestival, über Kunsthandwerksmärkte und Musikveranstaltungen durch den Raum. Wie, wann, was? Das ist – wie eigentlich alles 2020 – noch nicht ganz klar.

Mit Wegen kennt sich auch der neueste Mieter aus: Matthias Schmälze ist Guide bei Trail-Experten und bietet Bike-Touren in der Region an, zusätzlich betreibt er noch einen Fahrradverleih. Für ihn bietet der Layback Workspace die Möglichkeit, auch mit kleinem Budget aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Deswegen freue er sich darauf, "den Raum gemeinsam mit Leben zu füllen." Sein Spezialgebiet sind E-Mountainbikes, die vor der Tour individuell auf den Fahrer oder die Fahrerin eingestellt werden. Früher noch als ein Antrieb für eher Tretfaule oder als Unterstützung für gebrechliche Senioren belächelt, ist das E-Bike heute Lifestyle-Gefährt und Freiburg gefühlt die deutsche Hochburg der elektrisierten Zweiräder. Keine Dreisamfahrt, bei der einen nicht mindestens drei Personen mit lässiger Nonchalance bei 25 km/h überholen, während man selbst schweißüberströmt vor sich hin in strampelt. Unter Matthias Führung könne Groß- und Kleingruppen bei Touren im Kaiserstuhl oder auch in den Bergen die Schönheit des Breisgau im Fahrtwind erleben, sportliches Sightseeing im Schnelldurchlauf sozusagen. Spezialisiert auf E-Mountainbikes und jedes Jahr mit den neuesten Modellen am Start, bietet Matthias neben den Freizeittouren auch Kurse zu Fahrtechniken und -sicherheit an.

Den Ort per Zufall entdeckt den Ort

Die Inspiration für das dazu passende Outfit kann man sich im Showroom von TJ Sporting Goods bei Nikolai holen. Kaufen kann man die Produkte vor Ort zwar nicht – die Kleidungsstücke dienen lediglich zum Vorzeigen bei Großkunden, die dort empfangen werden – aber Einblicke in die Welt der nachhaltigen und zukunftsorientierten Mode erhalten. An den Stangen hängen die Labels tentree und Sherpa Adventure Gear, die für jedes verkaufte Teil zehn Bäume pflanzen und pro Artikel einen Schultag eines nepalesischen Kindes finanzieren helfen. Für Nikolai bietet der Layback eine entspannte Arbeitsumgebung, er schätzt das Ambiente und dass die Kommunikation untereinander so natürlich offenherzig ist. Daher kann er von Glück reden, dass er damals nicht einfach vorbeigefahren ist: Nur durch Zufall entdeckte er den Ort, war jedoch sofort angefixt von den Möglichkeiten, hier Lagerfläche oder eine Art außer Haus Home-Office einzurichten. Auf die gute Nachbarschaft!

Nach einigen Stunden Besichtigung ist man auf sanfte Weise ermattet von den vielen Eindrücken, und das obwohl man längst noch nicht alles – das Tattoo Studio, die Schuhmanufaktur – gesehen hat. Doch auch, wenn am Ende die Aufnahmefähigkeit schwindet, bleibt eines ganz eindrücklich: Der Layback Workspace als Spiel- Arbeits- und Experimentierfeld des urbanen Menschen wirkt wie ein Fluchtpunkt zukünftiger Lebenswelten und ist dabei gleichzeitig sympathisch undogmatisch. Man merkt der kleinen Gemeinschaft an, dass jeder Einzelne – vielleicht bewusst, vielleicht nicht – sich entschlossen hat, dem diffusen Gefühl der Zermürbung Widerstand zu leisten, das wohl jeder kennt, der sich am Ende einer zähen 40 Stunden Woche fragt, ob das alles wirklich alles war. "Take a step back. Take it slow", ist die durchdringende Devise und so entspannt inspiriert, wie man diesen Ort verlässt, haben die Laybackianer mit ihrer Einstellung wahrscheinlich recht. Ein Raum, dessen Echo noch eine ganze Weile nachhallt.
Layback Workspace Unternehmen

  • Studiobloom Design (Handmade Jewlery und Design)
  • Ananda-Keramik (Offenes Keramikatelier)
  • Layback Skateshop
  • Hackbrett Longboards (hauseigene Brettmanufaktur)
  • Lavor Foodtruck (Winter Indoor Edition)
  • Antonio Escobedo (Schuhe und Lederarbeiten)
  • Krogstyle Tattoo (Kunst und Tattoo)
  • Pedali (Bikeshop)
  • Lekai Art (Textildesign Workshops)
  • Trailexperten (E-Bike Touren und Verleih)
  • TJ Sporting Goods Showroom
  • Cafe Viajero
  • Verena Balschus (Atelier)
  • L13 Foodcoop (Regionale Lebensmittel in Eigenregie)
  • Crooked Cat Records (Hip Hop Plattenlabel und Balkonbeschaller)
  • Skateboarding Freiburg e.V. (Freiburger Skateboardverein)