Die Seele leidet im zweiten Lockdown mehr

Ulrike von Leszczynski, dpa

Von Ulrike von Leszczynski & dpa

Di, 06. April 2021

Gesundheit & Ernährung

Die Corona-Maßnahmen sind notwendig und helfen, Leben zu retten – doch sie belasten auch sehr, wie eine neue Umfrage zeigt.

Was macht der lange Lockdown mit der Psyche? Die regelmäßigen und repräsentativen Umfragen für das "Deutschland Barometer Depression", das von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche-Bahn-Stiftung getragen wird, verheißen nichts Gutes. Nach der jüngsten Erhebung sind bedrückende Gefühle in der Bevölkerung deutlich höher als im Frühjahr 2020. Besonders hart trifft es jene, die bereits depressiv sind. Es gebe eine bedenkliche Zahl von Suizidversuchen, heißt es in der Studie.

Für sie wurden von Mitte bis Ende Februar rund 5100 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren online befragt. Fast drei Viertel der Bundesbürger empfinden die Situation demnach im zweiten Lockdown als bedrückend. Im Vergleich dazu waren es im Frühjahr 2020 weniger als zwei Drittel. Fast die Hälfte hält Mitmenschen für rücksichtsloser als damals. Das Gefühl familiärer Belastung lag in der Umfrage mit 25 Prozent dagegen nur leicht höher als im ersten Lockdown mit 22 Prozent. Sorgen um die berufliche Zukunft gab es weiterhin bei etwa 30 Prozent.

Für Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sind die Ergebnisse Ausdruck einer allgemeinen Demoralisierung der Bevölkerung. "Die Menschen bewegen sich nicht mehr, sie nehmen zu, liegen länger im Bett und schlafen nachts schlecht", sagt er. "Sie sitzen noch länger vor Bildschirmen. Das ist alles nichts, was einen aufbaut." Dazu kämen normale psychische Reaktionen wie berufliche Sorgen, Ängste und häusliche Konflikte.

Die Pandemie hat nach Hegerls Einschätzung bisher nicht zu einer massenhaften Zunahme von behandlungsbedürftigen Depressionen geführt. Nach wie vor erkranken innerhalb eines Jahres rund acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung daran. Das sind in Deutschland rund 5,3 Millionen Menschen. Habe ein Mensch jedoch eine Veranlagung zu einer Depression, könne durch die Maßnahmen gegen Corona eine depressive Krankheitsphase getriggert werden.

Die Umfrage wirft auch ein Schlaglicht darauf, wie sich die Versorgung depressiver Menschen in der Pandemie verschlechtert hat. Manche bekamen keine Behandlungstermine, andere wagten sich aus Angst vor Ansteckung nicht in Praxen und Kliniken. Eine Reihe von Behandlungen fiel aus, und Selbsthilfegruppen konnten sich nicht mehr treffen. Viele Betroffene berichteten von Rückfällen.

Rund ein Prozent der befragten Betroffenen sprach in der Studie von Suizidversuchen. "Diese Zahl in der Umfrage ist schon sehr, sehr hoch", sagte Hegerl. Mangels Erhebungen gebe es keine Vergleichswerte aus der Zeit vor der Pandemie. Er fordert eine multiprofessionelle Expertengruppe, die sich mit der Balance zwischen Vor- und Nachteilen der getroffenen Maßnahmen in systematischer Weise und permanent beschäftigt.