Literatur

Eine verrückte Reise durch die Schweiz: Christian Krachts neuer Roman "Eurotrash"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 04. März 2021 um 20:23 Uhr

Literatur & Vorträge

Christian Krachts Roman "Eurotrash" knüpft an "Faserland" an – wirklich? Er ist vor allem die Liebeserklärung an eine Frau: die 80-jährige Mutter des Ich- Erzählers, der Christian Kracht heißt.

Der Ich-Erzähler des neuen Romans von Christian Kracht heißt Christian Kracht. Er wird eingeführt als Autor seines fulminanten Debüts "Faserland". Erschienen 1999, begründete es in der Literaturkritik das Genre der Popliteratur: eine Zuschreibung, mit der Kracht selbst nie viel anfangen konnte. Ist das der Grund, warum sich "Eurotrash" 22 Jahre später auf "Faserland" bezieht, der Verlag das Buch sogar als Fortsetzung ausgibt? In dem laut Süddeutscher Zeitung "einzigen Interview", das der in der Corona-Krise wieder in der Schweiz lebende Schriftsteller, Träger des Schweizer Buchpreises von 2016, gegeben hat, weist Kracht solche Vermutungen ebenso zurück wie die bohrenden Fragen der Interviewerin nach der autobiographischen Authentizität des Textes.

Ein Bekenntnis zur tröstlich verwandelnden Kraft des Erzählens

Wer die Genrebezeichnung "Roman" ernst nimmt, kann ihm darin nur folgen. Allerdings streut der Autor genug historisch verbürgte Daten ein, um die Leser auf diese – letztlich voyeuristische – Fährte zu locken. Ja, sein Vater desselben Namens, ein gebürtiger Hamburger, war in den 1960er-Jahren Generalbevollmächtigter von Axel Springer und verdiente ein märchenhaftes Gehalt, das ihm und seiner Familie den finanziellen Anschluss an die Upper Class – mit Häusern auf Sylt, in Gstaad und Saint-Jean-Cap-Ferrat – ermöglichte.

Und ja, Krachts Großvater mütterlicherseits war, das hat er im Interview jetzt bestätigt, ein unbelehrbarer Nazi, für den sich der Enkel bis heute schämt. Und für den der Ich-Erzähler von "Eurotrash" verzweifelt wütende Worte findet: Als müsse er seiner Familie den bösen Geist des Nationalsozialismus für immer austreiben. Eigentlich aber ist der Roman, der mit bitteren Sottisen über die kapitalistische Verkommenheit der Schweiz nicht spart – als sei Kracht ein zweiter Thomas Bernhard – , eine Liebeserklärung an die Mutter des Ich-Erzählers – und zugleich ein Bekenntnis zur tröstlich verwandelnden Kraft des Erzählens. Tatsächlich ist diese 80-jährige tablettenabhängige Alkoholikerin, die immer wieder in die Psychiatrie eingeliefert werden muss, überhaupt die erste weibliche Hauptfigur in Krachts Werk – was ihn womöglich dazu gebracht hat, den Roman vier Frauen zu widmen: seiner Mutter, die unmittelbar nach Beendigung des Manuskripts gestorben ist, seiner Frau, Tochter und Schwester.

Ein verrücktes Roadmovie, bei dem Geld keine Rolle spielt

Es beginnt mit einem der regelmäßigen Besuche des Sohns bei seiner Mutter in Zürich. Der Ich-Erzähler logiert in einem Hotel am See und denkt mit schneidenden Worten über seine kaputte Familie nach. Die fürchterliche rassistische Verblendung des Großvaters, der sich zuletzt nur noch mit jungen "arischen" Isländerinnen umgab, die Wohlstandsverwahrlosung der Eltern, die als Parvenüs mit dem plötzlichen Reichtum offenbar überfordert waren. Der Vater ließ sich scheiden, der Sohn wuchs in Nobelinternaten heran, wo er, das hat Kracht in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen publik gemacht, im Alter von zwölf Jahren von einem Geistlichen vergewaltigt wurde. Es ist eine schonungslose Analyse ohne jenen Anflug von Ironie, die man bei Kracht als Stilmittel der Camouflage oft genug nachweisen zu können glaubt.

Doch plötzlich, mit der Ankunft bei der Mutter, die man bis dahin nur als Wrack bezeichnen kann, ändert sich der Ton. Der Sohn geht mit Mama – Betonung auf de zweiten Silbe, so viel Distinktion muss sein – auf eine absurde Reise durch die Schweiz. Aus der quälenden Vergegenwärtigung einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, wird ein verrücktes Roadmovie. Geld spielt dabei keine Rolle; beziehungsweise wird in Form von 600 1000-Franken-Scheinen buchstäblich aus dem Fenster geworfen. Verschenkt. Verschwendet. Batailles Ökonomie des Potlatsch geistert im Hintergrund herum. Es ist eine große Befreiung. Denn das Schweizer Geld, man weiß es, stammt ja in der Regel aus schmutzigen Quellen. Waffenhandel, Blutgeld von Diktatoren, so was. Auch hier inszeniert der Roman eine Art – heiteren – Exorzismus, wenn eine Böe auf 3000 Metern ein Bündel Banknoten zum Tanz vor dem Abgrund bringt. Man sieht es vor sich.

Die Stationen dieser Taxi-Reise mit einem üppig entlohnten Fahrer folgen einer Art Traumlogik. Von einer Landkommune in Saanen, Krachts Geburtsort – die sich bei näherem Hinsehen als Brutstätte einer "Neuen Germanischen Medizin" entpuppt, geht es hinauf zu Les Diablerets, mit 3000 Metern einer der höchsten mit der Gondel erreichbaren Punkte der Schweiz, wo die Mutter nach Edelweiß Ausschau halten will, statt dessen nur – wie kommt der daher? wahrscheinlich direkt aus dem "Kleinen Prinzen – einen Fuchs entdeckt. Mit zunehmender Reisedauer blüht die Mutter in ihrem ginstergelben Kostüm auf, liefert sich pointierte, hellsichtige, literarisch informierte Dialoge mit dem Sohn, in der Nacht suchen und finden die beiden das Grab von Jorge Luis Borges in Genf. Und immer wenn die Angst in der 80-Jährigen hochsteigt, bittet sie ihn um eine Geschichte. Um die er nie verlegen ist.

Die Lust am selbstreflexiven und selbstrefentiellen Spiegeln

Natürlich nicht. Und natürlich frönt Christian Kracht auch in diesem Roman der vertrackten Lust an selbstreflexiven und selbstrefentiellen Spiegeln, wie er sie sich unter anderem bei dem großen, vermutlich für immer verkannten Jean Paul aus dem oberfränkischen Wunsiedel abgeschaut hat und beim nicht minder großen Argentinier Borges. Aber – und das unterscheidet "Eurotrash" womöglich von seinen Vorgängern – das literarische Vexierspiel mit dem vermeintlich klar umrissenen Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion steht hier nicht als Wert für sich. Der Autor hat ein Anliegen – und sein Ich-Erzähler empfindet vielleicht zum ersten Mal in seinem Œuvre Empathie mit einer Figur.

Nach Afrika will die Mutter. Hinterteile von Zebras sehen. Afrika als ein der Schweiz und "Calvingrad" in jeder Hinsicht entgegengesetzter Sehnsuchtsort. Doch bevor der Flieger abhebt und es kitschig werden könnte, bringt der Sohn die Mutter – nicht an die Elfenbeinküste, sondern in die fiktive Winterthurer Klinik Elfenstein, wo sie dem afrikanischen Licht entgegengeht. Er sei, hatte die Mutter dem Sohn vorgeworfen, kein Flaubert und kein Stendhal. Das mag stimmen. Aber ein bedeutender Schriftsteller ist Christian Kracht zweifellos. Und jetzt erst recht.
Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 209 Seiten, 22 Euro.