BZ-Umfrage

Firmen in Lahr und der Ortenau setzen trotz Corona auf Azubis

Lena Jörger

Von Lena Jörger

Fr, 19. Juni 2020 um 19:17 Uhr

Lahr

Wie wirkt sich die Krise auf den Ausbildungsmarkt in der Region aus? Die BZ hat bei Betrieben aus Lahr und dem Umland nachgefragt, was sie von der Ausbildungsprämie des Landes halten.

Experten befürchten, dass sich die Corona-Krise auch auf die Zahl der Ausbildungsplätze auswirkt. Bund und Land wollen nun gegensteuern. So sollen beispielsweise Betriebe, die trotz der Krise ausbilden, finanziell unterstützt werden. Wie bewerten Unternehmen aus Lahr und dem Umland diese Ausbildungsprämie – und wirkt sich die Krise auch auf die Zahl ihrer Ausbildungsplätze aus? Die BZ hat sich umgehört.

Die befragten Betriebe

Das Druckhaus Kaufmann in Lahr bildet in diesem Jahr wie gewohnt aus. "Wir haben unsere Plätze weitestgehend vollbekommen, allerdings war es mühsam, Bewerber zu finden", sagt Markus Kaufmann. Dass andere Firmen in Lahr Ausbildungsplätze abgebaut hätten, sei ihm bislang nicht zu Ohren gekommen, sagt er. Dass Betriebe ausbilden, findet er wichtig: "Das ist die Grundlage für die Zukunft. Die Menschen, die wir jetzt nicht ausbilden, fehlen uns später."

Die vom Bund angekündigte Ausbildungsprämie sieht vor, dass kleinere und mittlere Unternehmen mit bis zu 249 Beschäftigten, die die Zahl ihrer Ausbildungsplätze nicht verringern, 2000 Euro pro Ausbildungsvertrag erhalten, für zusätzliche Ausbildungsverträge soll es 3000 Euro geben (die BZ berichtete). "Wenn in einem Unternehmen die grundsätzliche Bereitschaft zur Ausbildung nicht vorhanden ist, wird auch dieses Geld nichts daran ändern", sagt Kaufmann, dessen Unternehmen 210 Beschäftigte hat. "Diese Summe macht die Ausbildung ja nicht zu einem Geschenk, sie ist nur ein zusätzlicher Anreiz."

"Die Menschen, die wir jetzt nicht ausbilden, fehlen uns später"

Markus Kaufmann
Das Seelbacher Unternehmen Julabo hat mit mehr als 400 Beschäftigten nichts von diesem Anreiz, braucht ihn aber auch nicht. "Wir haben für dieses Jahr sieben Lehrstellen geplant, die meisten davon haben wir auch schon besetzt, für die übrigen laufen schon Gespräche", teilt Alexander Hundertpfund, Leiter Marketing und PR bei Julabo, mit. Die Planung für die Lehrstellen sei schon im vergangenen Jahr abgeschlossen gewesen. Die Corona-Krise habe daran nichts mehr geändert.

Auch die Lahrer Firma Leser werde die von ihr zur Verfügung gestellten Ausbildungsplätze aufgrund der Corona-Situation nicht reduzieren, teilt Ralf Leser mit. "Wie geplant fängt ein weiterer Auszubildender im Herbst in unserem Hause seine Ausbildung zum Industriekaufmann an."

"Unsere Firma würde gern mehr Ausbildungsplätze besetzen"

Ellen Wagner
Die Lahrer Firma Wagner System baut laut Geschäftsführerin Ellen Wagner ebenfalls keine Lehrstellen ab. "Im Gegenteil: Wagner würde gerne mehr Ausbildungsplätze besetzen. Denn wir sind überzeugt: Ausbildung wird – trotz Corona-Krise – der Schlüssel für Wachstum und Fachkräftesicherung sein." Wie hart die Krise das Unternehmen getroffen hat, werde man erst in einigen Monaten wissen, so Ellen Wagner. Zur Ausbildungsprämie sagt sie: "Wir werten dieses Signal seitens der Bundesregierung grundsätzlich als positiv, werden aber vorerst – mit oder ohne staatliche Unterstützung – an unserem Ausbildungsengagement festhalten." Bis zu zehn Lehrstellen will das Unternehmen 2020 anbieten, für alle Ausbildungsberufe seien derzeit noch Kapazitäten vorhanden.

Die Agentur für Arbeit

Horst Sahrbacher, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg, bewertet die Ausbildungsprämie positiv: "Die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen, die dazu führt, dass in dieser schwierigen Situation Ausbildungsplätze erhalten oder zusätzliche geschaffen werden, trägt dazu bei, den Fachkräftebedarf der Wirtschaft langfristig zu sichern."

Mit dem Shutdown seien auch Aktivitäten im Ausbildungsbereich zum Stillstand gekommen. " Einstellungszusagen wurden zurückgehalten, viele Vorstellungsgespräche konnten nicht stattfinden, Bewerbungsschreiben blieben unbeantwortet. Einige Arbeitgeber waren verunsichert und warteten mit einer Entscheidung, ob sie dieses Jahr Auszubildende einstellen, noch ab."

Nach Angaben von Sahrbacher hat der Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur seit Beginn des Berufsberatungsjahrs am 1. Oktober 2019 insgesamt 787 freie Ausbildungsplätze bei Betrieben aus der Region Lahr akquiriert (64 Stellen weniger als im Vorjahreszeitraum). 474 Stellen waren Mitte Mai noch unbesetzt. Im gleichen Zeitraum haben sich 537 Jugendliche aus der Region Lahr gemeldet, die eine Ausbildungsstelle suchen (71 weniger als vor einem Jahr). Die Zahl der Bewerber ohne Ausbildungsplatz lag Mitte Mai bei 207 Jugendlichen. Laut Sahrbacher stehen damit rein rechnerisch jedem unversorgten Bewerber 2,3 unbesetzte Ausbildungsstellen gegenüber. Wer noch auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle ist, kann sich bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur melden.

IHK und Handwerkskammer

Laut Simon Kaiser, Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein, hat die IHK zum 31. Mai rund 17 Prozent weniger Verträge als im Vorjahr für den Kammerbezirk Südlicher Oberrhein registriert. Allerdings seien zu diesem Zeitpunkt jedes Jahr erst knapp die Hälfte der Ausbildungsverträge registriert, die im Herbst beginnen. In jedem Fall gehe man aber von einem spürbaren Rückgang aus, so Kaiser. "Ob dies für Schulabgänger ein Problem darstellt, hängt von der Branche ab. Beispiel: In den Hotel- und Gaststättenberufen wurde mangels geeigneter Bewerber in den vergangenen Jahren jeder dritte angebotene Ausbildungsplatz nicht besetzt. Wenn nun 25 Prozent weniger Plätze angeboten würden, gäbe es noch immer mehr Plätze als Bewerber. Unter dem Strich gehen wir deshalb auch in diesem Jahr nicht von einem generellen Mangel an Ausbildungsplätzen aus", erklärt er.

Die Handwerkskammer Freiburg vermeldet bei den neu geschlossenen Ausbildungsverträgen für die Ortenau einen Rückgang von 12,2 Prozent von 436 Verträgen auf 383 (Stand Ende Mai). Hauptgrund ist laut einem Sprecher der Handwerkskammer die Corona-Krise. "Auf der anderen Seite ergeben Umfragen, dass ein beträchtlicher Anteil der Betriebe Azubis in gewohntem Umfang oder sogar darüber hinaus einstellen möchte." Mit Blick auf das Angebot an Lehrstellen gebe keinen dramatischen Einbruch. "Besonders Gewerke wie Elektriker, Anlagenmechaniker und Metallbauer suchen nach wie vor viele Azubis."
Messe "JobXpedition" fällt aus

Der Fachkräftemangel hat die Arbeitsgemeinschaft Lahrer Mittelständischer Industrieunternehmen (Almi) dazu bewogen, 2018 die "JobXpedition" zu starten. Die Betriebe wollen damit das Interesse an der dualen Ausbildung in der Industrie wecken und über verschiedene Ausbildungsberufe informieren. Dieses Jahr fällt die Veranstaltung aus, teilt Markus Kaufmann vom gleichnamigen Druckhaus mit. Eigentlich hätte die "JobXpedition" in der Osterwoche stattfinden sollen. Dann kam Corona. "Wir waren uns einig, dass es unsinnig ist, mit der Veranstaltung in den Herbst zu gehen, da die Situation viel zu ungewiss ist und das Projekt auch bei den Unternehmen mit viel Aufwand verbunden ist", so Kaufmann. "Das Projekt ist nicht gestorben", betont er. Voraussichtlich in der Osterwoche 2021 soll die "JobXpedition" wieder stattfinden.

Mehr zu der Veranstaltung unter www.jobxpedition.de