100 Jahre Erster Weltkrieg

Freiburger Historiker schreibt Standardwerk zum Ersten Weltkrieg

Wulf Rüskamp und Thomas Steiner

Von Wulf Rüskamp & Thomas Steiner

Mi, 19. Februar 2014 um 12:28 Uhr

Freiburg

Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard hat das neue Standardwerk zum Ersten Weltkrieg geschrieben. Über dessen Ursachen, Paradoxien und bleibende Erblasten, spricht er im Interview.

BZ: Herr Leonhard, der Beginn des Ersten Weltkriegs ist 100 Jahre her – und dennoch ist das Interesse an der Geschichte dieses Krieges groß. Woran liegt das?
Leonhard: Vielen Menschen ist bewusst, dass das 20. Jahrhundert in Europa bis mindestens 1945 ein Jahrhundert der Gewalt war, dass es eine ungeheure Gewaltverdichtung in diesen Jahrzehnten zwischen 1914 und 1945 gegeben hat. Deshalb sprechen manche ja auch von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg, diesmal nicht der Konfessionen, sondern der Ideologien. Zum Zweiten ist gerade aus deutscher Sicht der Erste Weltkrieg als eine Art von Vorgeschichte und Voraussetzung von Hitler, Drittem Reich, Zweitem Weltkrieg und Holocaust begriffen worden. Ich plädiere aber dafür, den Ersten Weltkrieg auch aus sich selbst heraus zu verstehen, nicht bloß als Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Für die anderen europäischen Gesellschaften, also die damaligen Großmächte wie Frankreich und England oder die sogenannten kleinen Staaten wie Serbien oder Belgien, ist der Erste Weltkrieg schon allein deshalb unmittelbar bewusst, weil sie in ihrer Geschichte keinen anderen Einschnitt kennen, der so hohe Opferzahlen gefordert hat.

BZ: Auch nicht im Zweiten Weltkrieg?
Leonhard: Wenn Sie Frankreich oder England nehmen und vergleichen die Opferzahlen an Zivilisten und Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, dann ist das exorbitant unterschiedlich. Während der Somme-Schlacht sterben auf britischer Seite an einem einzigen Tag, dem 1. Juli 1917, mehr Soldaten als im Krimkrieg, im Burenkrieg und im Korea-Krieg zusammen. Schließlich schrumpft der Abstand von 100 Jahren auch deshalb zusammen, weil wir gegenwärtig entdecken, dass das 20. Jahrhundert mehr war als der Zweite Weltkrieg. Interessanterweise geschieht das auch in Deutschland, wo sich die Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg bisher quasi dazwischen geschoben hatte.

BZ: Halten Sie die These für richtig, 1914 habe ein zweiter Dreißigjähriger Krieg begonnen?
Leonhard: Ich bin gegenüber dieser einfachen Kontinuität vorsichtig. Diese These legt ja nahe, dass es zwischen 1914 und 1945 ein Leitmotiv gegeben hat, dass es nach 1918 keine Alternative zur Fortsetzung der Gewaltgeschichte des Ersten Weltkriegs gegeben hätte. Da ist mir zu einseitig, zu sehr vom Ergebnis ...

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