Inklusion

Freiburger Projekt ermöglicht Kletterstunden für Menschen mit Behinderungen

Judith Reinbold

Von Judith Reinbold

Do, 02. Januar 2020 um 13:05 Uhr

Freiburg

Seit zwei Jahren findet "Klettern mit Handicap" in der Halle des Deutschen Alpenvereins statt. Ob das Projekt weiterhin mit Fördergeldern der "Aktion Mensch" unterstützt wird, ist derzeit unklar.

"Ich verausgabe mich gerne", sagt Marco Dorer. Alle zwei Wochen ist der 38-Jährige deshalb dabei, wenn in der Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins (DAV) am Freitagnachmittag "Klettern mit Handicap" stattfindet. Wer kommt, hat geistige oder körperliche Behinderungen, möchte sich dadurch aber nicht davon abhalten lassen, Kletterschuhe überzustreifen. Unter der Anleitung speziell ausgebildeter Trainer gibt es diese Möglichkeit in Freiburg mittlerweile seit zwei Jahren.

Das Kletterprojekt ist während der eineinhalb Stunden in eine Gruppe für Erwachsene und eine Kindergruppe aufgeteilt. Momentan sind Trainerinnen und Trainer von zwei Organisationen dabei: dem DAV sowie dem NEW-Institut, einem Netzwerk für Teamentwicklung und Weiterbildung. Über das NEW-Institut wird das Angebot seit zwei Jahren von der "Aktion Mensch" unterstützt. Stephan Straub hat auch für die Zeit ab Januar 2020 eine Projektförderung beantragt. Ob das klappt, wird sich erst jetzt im neuen Jahr zeigen. Wer mitmachen möchte, muss kein DAV-Mitglied sein und bekommt einen reduzierten Eintritt.

Gut ausgebildetes Team sorgt dafür, dass Bedürfnisse jeder einzelnen Person berücksichtigt werden

In einem kleineren, von der großen Halle abgetrennten Bereich geht es beim letzten Training vor Weihnachten lebhaft zu. Die Kinder haben einen besonderen Ansporn, die Wand hochzukommen, denn oben hängen Luftballons – was da wohl drin ist? Der 16-jährige Nicolas zum Beispiel möchte seinen Luftballon gar nicht mehr hergeben. "Ist da Schokolade drin?", fragt er wieder und wieder. Die achtjährige Katharina dagegen macht sich deutlich weniger aus ihrem Luftballon als aus dem Klettern selbst. Wird sie gefragt, wie ihr das Klettern gefallen hat, zeigt sie ganz stolz auf die Wand und sagt: "Ich war da ganz oben." Ihre Augen leuchten. Anstrengender ist es für den vierjährigen Fynn. Seine linke Körperseite bewegt er etwas eingeschränkt, trotzdem hat auch er am Ende einen Luftballon in der Hand und kann beim Spielen damit gar nicht genug bekommen.

Ohne Luftballons, aber ebenso motiviert klettern die Erwachsenen. Jürgen Heider ist Spastiker und hat bereits vor vielen Jahren bei Stephan Straub angefragt, weil er nach therapeutischem Klettern suchte. "Das habe ich auch schon zu Schulzeiten gemacht", sagt der heute 30-Jährige. "Vor zwei Jahren haben wir das Angebot dann ausgeweitet", erklärt Stephan Straub vom NEW-Institut, der gemeinsam mit Josephine Kerzel vom DAV das Freitagsangebot leitet. Der 53-jährige Erlebnispädagoge und die 24-jährige angehende Physiotherapeutin haben inzwischen ein gut ausgebildetes Team um sich versammelt, das dafür sorgt, dass die besonderen Bedürfnisse jeder einzelnen Person berücksichtigt werden können. Denn es gibt keine Behinderung, mit der nicht geklettert werden kann. "Es geht alles. Wir sind kreativ geworden", so Straub.

"Ich hätte das auch nicht gedacht, aber ich kann mich mega verausgaben." Teilnehmer Jochen Meiford
Marco Dorer zum Beispiel hat vor mehr als zehn Jahren erfahren, dass er Multiple Sklerose (MS) hat. Seitdem hat er zwei Bücher geschrieben, ist nach Freiburg gezogen und kommt seit einiger Zeit zum Klettern mit Handicap. Warum? "Wenn ich hier rausgehe, bin ich platt", sagt er. Außerdem, fügt er hinzu, seien Kletterer einfach entspannt. Diese Entspannung ist vermutlich der Grund für die lockere Stimmung in der Halle. Zwei- oder dreimal klettert jeder, oft sind Kraft und Konzentration dann erschöpft. "Ich hätte das auch nicht gedacht, aber ich kann mich mega verausgaben", sagt Jochen Meiford. Der 54-Jährige ist halbseitig gelähmt, trotzdem kämpft er sich freitags die Wände nach oben. "Ich glaube, ich habe langsam verstanden, worum es beim Klettern geht", sagt er.

Auch für die Trainerinnen und Trainer ist es etwas Besonderes. "Man erfährt so viel Lebensfreude und Genügsamkeit", sagt Stephan Straub: "Das rückt die eigenen Probleme in Perspektive." Sollte die Förderung durch die "Aktion Mensch" im neuen Jahr nicht verlängert werden, so muss der Rahmen des Projekts reduziert werden. "Es geht aber auf jeden Fall weiter", versichert Josephine Kerzel.
Wer Interesse hat an der Teilnahme am Angebot, kann mit Josephine Kerzel Kontakt unter handicapklettern@dav-freiburg.de aufnehmen. Nächster Termin: Freitag, 3. Januar, 16 Uhr, DAV-Halle Freiburg, Lörracher Straße 20 a.

Mehr zum Thema: