Dokumentation

Hausärztin: "Wir brauchen einen digitalisierten Impfpass"

Katharina Meyer

Von Katharina Meyer

Mo, 20. September 2021 um 17:33 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Die Deutschen haben einige Impflücken. Grund sei eher Nachlässigkeit als Impfskepsis, sagt die Hausärztin Nicola Buhlinger-Göpfarth im Interview mit Katharina Meyer.

BZ: Frau Buhlinger-Göpfarth, der Impfpass hat sein Nischendasein verlassen. Merken Sie in der Praxis einen Unterschied?

Buhlinger-Göpfarth: Ja, es ist eine allgemeine Sensibilisierung für das Thema Impfen spürbar. Die Patienten kommen vermehrt von selbst auf uns zu. Leider gibt es trotz der Betreuung durch Hausärzte Impflücken bei den Patienten.

BZ: Um welche geht es da?

Buhlinger-Göpfarth: Meist sind das Auffrischungsimpfungen bei Tetanus, Diphtherie und Pertussis, also Keuchhusten. Da sind die Abstände – zehn Jahre – so groß, das vergessen die Leute einfach. Es gibt auch bei MMR, also der Kombinationsimpfung von Masern, Mumps und Röteln, Impflücken oder einen unklaren Impfstatus. Das merken wir jetzt, wo die Leute den Status wegen der Pflicht der Masernschutzimpfung in manchen Berufen nachweisen müssen.

BZ: Was sollte sich am Impfmanagement ändern?

Buhlinger-Göpfarth: Wir müssen die Patienten selber auf ihren Impfstatus ansprechen. Da bräuchten wir dringend ein eleganteres System: einen digitalisierten Impfpass, damit das Auffrischungsmanagement automatisiert werden kann. Dann könnten Patienten etwa in einer App selber anklicken, dass sie Erinnerungen wünschen.

BZ: Ich bin kaum je auf meine Impfungen angesprochen worden. Wie läuft das bei Ihnen?

Buhlinger-Göpfarth: Wir haben eine Quartalsliste. Wenn bei jemandem etwa die Tetanusauffrischung fällig ist, dann bekommt er einen Brief mit einer Erinnerung. Das ist während der Pandemie aber eingeschlafen, wir waren als Corona-Schwerpunktpraxis völlig überlastet.

BZ: Aber sonst klappt das?

Buhlinger-Göpfarth: Der Datenschutz ist ein Problem. Seit der Datenschutz-Grundverordnung darf ich Patienten nicht mehr anrufen oder anschreiben, es sei denn, ich habe ihr Einverständnis vorher eingeholt. Bei denjenigen, die seit vier Jahren nicht mehr da waren, haben wir das aber nicht. Die fallen also durchs Raster – bis sie dann in der Notaufnahme landen wegen einer kleinen Verletzung, die sie sich beim Salamischneiden geholt haben. Da heißt es dann: Wieso ist der Patient nicht Tetanus-geimpft? Es ist aber nicht immer der Hausarzt schuld.
Zur Person

Nicola Buhlinger-Göpfarth ist Hausärztin in Pforzheim, Lehrbeauftragte der Uni Heidelberg und hat eine Professur an der EUFH Köln.