Direkt in die Lehre gehen nur wenige

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 04. Juni 2019

Freiburg

Vabo-Klassen sollen Geflüchteten eine Basis für ihre weitere Qualifizierung vermitteln – eine Herausforderung für die Pädagogen.

FREIBURG. Hinter dem Kürzel Vabo verbirgt sich ein sperriger Ausdruck: "Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen". Das Angebot richtet sich an junge Geflüchtete, die ins deutsche Schulsystem starten – und gilt als wichtiger Baustein für ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Wie geht es ihnen damit – und wie den Schulen? Darum ging’s bei der Veranstaltung "Vabo und Integration" am Walter-Eucken-Gymnasium, das seit Herbst 2016 zusammen mit seinen beruflichen Schulen derzeit zwei Vabo-Klassen für 25 Jugendliche anbietet.

Manche sprechen schon gut Deutsch – zum Beispiel Radhwan Wahid (19), der vor fast zwei Jahren allein aus dem Nordirak nach Freiburg geflüchtet ist. Seit September geht er in eine der Vabo-Klassen und ist begeistert. "Die Schule ist sehr gut, die Lehrer sind total nett", sagt er. Die Schüler bekämen viel Unterstützung, erzählt er weiter. Unter anderem schreiben die Schüler Bewerbungen unter Anleitung und üben Vorstellungsgespräche. "Außerdem lernen wir wichtige Orte in Freiburg kennen", erklärt Wahid. Er hoffe, dass er bald eine Ausbildung als Elektriker oder im Einzelhandel beginnen könne.

Die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich

Genau wie die meisten anderen Vabo-Schüler wurde er von einem Sozialarbeiter für die Klasse angemeldet. Bei Minkalou Mane (19) war es ebenfalls so. Auch er ist allein nach Deutschland geflüchtet – aus Guinea in Westafrika. "Wir bekommen viel Hilfe in der Schule", sagt er. Inzwischen hat er viele Freunde und möchte eine Ausbildung zum Bäcker machen. Da gibt’s zurzeit gute Chancen.

Atefa Mahmoudi (17), die vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen ist, hat in ihrer Vabo-Klasse gelernt, auf Deutsch zu lesen und zu schreiben. Das ist ihr davor, als sie auf einem Gymnasium in einer Vorbereitungsklasse war, nicht gelungen, erzählt sie. "Hier ist es viel besser für mich", sagt die Afghanin. Sie möchte zahnmedizinische Fachangestellte werden. Noch ganz neu ist Sindi Deineja (17). Die junge Frau kam erst vor drei Monaten mit ihrer Familie aus Albanien und spricht deshalb noch kaum Deutsch. Ihr Traum ist es, Abitur zu machen und Psychologie zu studieren.

Die Vabo-Schüler sind eine vielfältige Schar. Manche seien volljährig, andere nicht, manche mit der Familie geflüchtet, andere allein, sagt Andreas Haag, der die Vabo-Abteilung an den Walter-Eucken-Schulen mit seinem Kollegen Urs Frey leitet. Hinzu kämen sehr unterschiedliche Bildungshintergründe.

Doch die Schüler seien überdurchschnittlich motiviert, das mache es leichter. Ab dem 20. Geburtstag werde man nicht mehr neu aufgenommen. Wer aber erst während des Vabo-Schulbesuchs 20 Jahre alt werde, könne weitermachen. Wegen geringer Deutschkenntnisse gelinge im Anschluss der direkte Übergang in den Arbeitsmarkt oft nicht. Wichtig sei deshalb die Vorbereitung auf Regelschulen. Dazu könnten die Schüler der Vabo-Klassen in die anderen Schulen im Haus hineinschnuppern. Besonders wichtig sei die Heranführung ans Berufsleben, dazu gehören Betriebsbesichtigungen.

Seit 2016 waren 49 Jugendliche in den Vabo-Klassen der Walter-Eucken-Schulen. Urs Frey hat erforscht, wie es mit den Ehemaligen weiterging: Zehn Prozent sind direkt in eine Berufsausbildung gestartet, meist mit weiterer Begleitung. 20 Prozent wechselten auf Berufsfachschulen, zwölf Prozent aufs Wirtschaftsaufbaugymnasium, 14 Prozent ins Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB). 19 Prozent wiederholten ihre Vabo-Klasse. Das liege daran, dass etliche von ihnen erst mitten im Schuljahr oder am Ende dazu gestoßen waren.

Bei 35 Prozent ging der Besuch der Vabo-Klasse mit einer Abschiebung oder Verlegung an einen anderen Ort zu Ende. Das sei traumatisierend und störe die Integration, sagt Urs Frey – insbesondere, weil manche Schüler mehrere solche Verlegungen mitmachen. Die Schule habe darauf keinen Einfluss. Ohnehin gebe es für die Schule viele Herausforderungen. Schwierig sei vor allem, wenn einzelne Schüler besondere Betreuung bräuchten. "Wir sind an unseren Grenzen angelangt", so Frey.